Vorbereitungsgeschichten
Sich ein großes Ziel zu stecken, ist die eine Sache, sich auf die Durchführung vorzubereiten, eine andere. Wir bereiteten uns vielfältigst und in den unterschiedlichsten Bereichen vor. Erst einmal kam die Streckenführung. Reiseführer, Reiseberichte, Karten, nichts war vor uns sicher. Besonders Kai hat gelesen und angestrichen und wieder gelesen. Ich habe die Hildener Stadtbücherei unsicher gemacht, um für Nachschub zu sorgen.
Das ist ein Teil der Reise. Aber fast noch wichtiger war es, uns mit unseren Motorrädern auf die Gegebenheiten einzustellen. Da war ein Endurotraining genau das Richtige. Erst war es fast unerträglich heiß und staubig, dann war es regnerisch und matschig. Bei Matsch haben Kai und ich doch die Grenzen unserer kleinen Mopeds kennengelernt, besonders die 1100'er tat sich schwer, was bei ihren 250 kg nicht sehr verwunderlich ist. Waren die Steigungen bei Trockenheit noch einfach und locker zu fahren, so kehrten sich die Verhältnisse durch den Regen in der Nacht um. So ein Dickschiff im Schlamm zu manövrieren, fordert volle Konzentration. Schon leichte Steigungen oder ein wenig unebenes Gelände degradierten Kai zum Copiloten. "Hier wirst du gefahren.
"Schotterpiste, Steilhänge hoch und runter, Spurrillen: Nichts blieb uns erspart. Aber das war auch gut so. Denn kurze Zeit später, bei unserer Feuertaufe in den Pyrenäen brauchten wir doch so einiges von dem Gelernten. Und Off-Road-Fahren macht doch viel mehr Spass, wenn frau das Gefühl hat, die Maschine zu beherrschen. Ob ich meine Maschine wirklich immer beherrscht habe? Ich mag das bezweifeln. Wenn ich nur an die vielen Oh-nein's, Oh-Mist's und Ah's und ich weiss nicht was alles denke, die ich in meinen Helm gestöhnt habe, als es den Pic Negre auf 2600 m hoch ging, da glaube ich, dass wir unsere Schutzengel ganz schön in Anspruch genommen haben.
Das ich (besonders als Frau) ganz viel von Astrid Althoff gelernt habe, ist nicht einfach nur so daher gesagt. Das Sicherheitstraining, dass ich bei ihr geniessen konnte, hat mich meinem Motorrad sehr viel näher gebracht. Das wir eine reine Weiberrunde waren, ist ein Umstand, der dabei nicht unterschätzt werden darf.
Über die vielen anderen Dinge, die bedacht und vorbereitet werden müssen, will ich mich nicht im Detail auslassen. Zu langweilig und langwierig ist das Organisieren der ganzen Formalitäten: Versicherung, Wohnsitz, Impfungen, Kündigung aller möglichen Verträge; sprich das Auflösen des bisherigen Lebens. Aber was macht frau nicht alles für ein Abenteuer zusammen mit seinem Schatz.
Der Pyrenäen-Test
Testphasen sind bei einer Reisevorbereitung unerlässlich. Allerdings war uns im Vorhinein nicht immer klar, was und wer genau getestet wird.
Als wir in die Pyrenäen aufbrachen, wollten wir unsere Off-Road-Festigkeit und unsere Ausrüstung ausprobieren. Neue Koffer, Kleidung, Funkanlage: funktioniert alles und besonders ist alles für eine lange Reise geeignet? Schnell hatten wir raus, was noch ein wenig nachgebessert werden musste, welche Dinge wo in den Koffern verstaut werden sollten und wie sich eine Stunde Schotterpiste fahren auf den Inhalt eines halb gefüllten Metallkoffers auswirkt (schlecht, denn das eingewickelte Stativ hat den Stoff und die Bodenfolie der Alu-Box durchgerubbelt.)
Die Feuertaufe im Gelände hatten wir am Pic Negre. Wie wir mit unseren nicht gerade kleinen Motorrädern dort hoch sind, nicht gerade sehr geübt auf Wegen mit Gesteinsbrocken, war für uns eine Bestätigung, dass wir es können, wenn wir nur ein wenig auf die Technik achten. Selbst die schwere 1100’er, die Kai an einem besonders ekeligen Stück weggesprungen und dann umgekippt ist, bekamen wir mit „gewusst wie“ einfach (aber schweißtreibend) hoch und in die richtige Richtung manövriert. Das Hochgefühl, als wir oben ankamen und weit über die Berge schauen konnten, war die Belohnung.
Positive Testergebnisse lieferte auch unsere Funkanlage (Lautsprecher und Mikrofon sind im Helm eingebaut). Nicht nur, dass sich gerade bei schwieriger Verkehrsführung zu zweit der Weg einfacher finden lässt, wenn es möglich ist, sich zwischendurch etwas zuzurufen. Nein, wir konnten uns bei den langen Fahrten auch über Gesehenes unterhalten. Aber noch besser war es eigentlich, dass wir nicht eng hintereinander herfahren mussten, aus Sorge, uns zu verlieren. Wir konnten jeder unser Tempo fahren und durch ein kurzes „Hallo – alles o.k. bei Dir?“ uns sicher sein, dass wir beruhigt weiterfahren konnten.
Die Technik funktionierte also. Aber da ist ja auch noch der zwischenmenschliche Faktor, der die Kommunikation erheblich stören kann. Beide haben wir Erwartungen an den anderen, was das Verhalten in kniffeligen bzw. anstrengenden Situationen angeht. Zieht der andere mit, wenn wir Strecke machen müssen, aber es nur noch anstrengend ist? (Ich habe den Test bestanden, denn ich habe bei Regen den ganzen Tag auf dem Moped verbracht, ohne zu murren!) Kann der andere einen unterstützen, wenn mal einfach nichts richtig läuft, und man sich nur über sich selber ärgert? (Kai hat den Test bestanden, da er mir immer wieder gut zugesprochen hat und wenn ich zu sehr rumgegrummelt habe, mich schlicht in Ruhe gelassen hat. Da hatte das Funkgerät auch seine verdiente Pause.)
An anderen kleinen Ausrüstungsverbesserungen und Kommunikationskorrekturen arbeiten wir heute noch. Wer glaubt, dass einfach nur ein gemeinsames Ziel schon alle Schwierigkeiten in einer Beziehung mühelos überwinden lässt, hat falsch geglaubt. Aber auch der Teil der Reise ist spannend. Ein wenig werden wir sicherlich auch darüber berichten.
(Ulrike Teutriene, Hilden / Deutschland, 15. April 2003)