
Aufgeschäumt
Den Übergang von Österreich nach Italien merken wir fast nicht. Speck gibt es auf beiden Seiten und wir werden auch weiterhin in Deutsch angesprochen. Die Radwege sind gut, sehr gut sogar. Es wird viel in den Radtourismus investiert. Anscheinend ist das und das E-Bike, das Fahrrad mit Elektromotor, ein Geschäft mit Potenzial. So zukunftsträchtig, dass sogar die EU Fördermittel hergibt, um einen erstklassigen Radweg zwischen dem Gardasee und Verona anzulegen. Der wird auch gern von den Einheimischen genutzt. Da der Italiener aber mehr der adrett gekleidete Rennradfahrer ist und ordentlich schnell die Strecke abradelt, können wir die Hunde fast nicht laufen lassen. Die Gefahr, dass einer der beiden so einem Flitzer vor das Rad läuft, ist zu groß. Und das tut sicherlich allen Beteiligten weh.
Die Landschaft ist kultiviert. Hinter der Grenze in Südtirol werden auf jedem Quadratmeter Apfelbäume angepflanzt. Hier kommen sie also her, die roten, saftigen, leckeren Äpfel, die nun bald in Deutschland wieder im Supermarkt liegen. Am ersten Tag können wir uns kaum satt sehen und essen. Aber am dritten Tag Apfelplantagen freuen wir uns über die Weinstöcke, die kurz vor Bozen auftauchen. Nun ist das die Landschaft, die unsere nächsten drei Tage begleitet. Und im Osten von Venedig nach Triest fahren wir schnurgerade durch Maisfelder soweit das Auge reicht. War mir gar nicht so bewusst, dass Italien so eine Monokultur hat. Beim Radfahren ist das etwas ermüdend. Aber die Bauern haben noch nie wirklich Rücksicht auf die Radfahrer genommen, oder?
Mülltrennung hat sich anscheinend weitest gehend durchgesetzt. Nicht mit gelben Sack wie bei uns, aber schon in Österreich wird Papier, Plastik, Metall und Glas getrennt. So geht es auch in Italien. Allerdings wird die Müllentsorgung auf klassisch-italienische Art auch weiterhin betrieben: ab mit dem Müllsack in den Graben. Ob diese nach Plastik, Papier oder Metall getrennt sind, schauen wir nicht nach. Es sind einfach zu viele und die Gräben zu tief. Dazu gesellen sich hier und da noch einige Elektrogeräte.
Ich bin ja nun mehr der Filterkaffee-Typ und fand in Deutschland den Hype um Espresso, Latte-Macchiato und Cappuccino leicht übertrieben. Aber seitdem wir hier in jeder Dorfkneipe, hier heißt das Bar, besseren Kaffee bekommen als in den Bäckereien, die wir in Deutschland besucht haben, sind wir absolute Milchschaum-Fans geworden.
Ab Venedig verlassen wir den Touristenstrom der Radwanderer. Bisher gehörten zu den vielen, für die ein Alpencrossing etwas ist, was man und frau anscheinend einmal im Leben gemacht haben muss. Das Endziel ist entweder der Gardasee oder eben Venedig. Danach sehen wir keine Radreisenden mehr. Und deswegen freut sich der Italiener, wenn er uns sieht. Es wird gehupt, gewunken, gegrüßt und gelacht. An Steigungen werden wir angefeuert, so dass wir uns vorkommen, als ob wir den Giro d'Italia mitfahren, die Tour de France der Italiener sozusagen.
„Uuuuunico, beeelllliiiissimi, grandiiiiiiioso, braaavi!“ bricht es stakkatoartig aus der älteren Dame heraus. Die Hände fliegen, der ganze Körper drückt die Begeisterung aus, ebenso wie nur die Italiener in dieser Welt Begeisterung ausdrücken können. Sie hatte uns übrigens auf dem Campingplatz dabei beobachtet, wie wir bei leichtem Nieselregen unsere Sachen einpacken und dann sogar die Hunde trocken und sauber in den Anhänger packen. Und da sehen wir wieder, was der Italiener der Welt geschenkt hat: die große Geste.
Ach ja Nieselregen. Wenn der in Italien runterkommt, ist das genauso unangenehm wie in Deutschland. Und nach 3 Stunden teils sintflutartigem Regen mit Sturmböen von vorn kurz vor Triest, sind wir genauso nass wie in Deutschland. Trotz guter Regenkleidung, es bleibt kein Haar trocken. Nach diesem Regeninferno, bei dem das Wasser knöcheltief auf der Straße steht, können mir die ganzen Outdoor-Ausstatter noch so viel versprechen. Die Regenhose weicht durch und die Handschuhe in der wasserdichten Anoraktasche sind klatschnass. Irgendwo an der Kleidung findet der Regen immer eine Schwachstelle, durch er eindringen kann. Kai und ich flüchten in ein Hotel, denn Wind und Regen sind für jedes, o.k. die meisten Zelte, eine gefürchtete Kombination. Und damit auch für uns.
Zum guten Schluss hat Kai bei dem Sauwetter dann auch noch seine Sonnenbrille verloren. Die gute auch noch, die mit den austauschbaren Gläsern. Wie war das noch? Weg mit dem Wohlstandmüll! Ab jetzt reisen wir leicht.
Ulrike, 18.09.2010, Monfalcone/Italien