Grenzerfahrung ...
Bikes on World Tour
Ulrike macht Pause am Fernpass

Hochgefahren

Via Claudia Augusta, der 2000 Jahre alte Römerweg, der die Donau mit dem römischen Reich verband, stellt damals wie heute den leichtesten Alpenübergang dar. Dieser uralte Kultur- und Handelsweg wird heute als durchbeschildeter Radweg wieder lebendig. Hört sich gut an für uns und wir glauben, nach der fast flachen Anreise durch Deutschland, die erste Herausforderung gefunden zu haben und ein Alpencrossing ist das, was ich als Mountainbiker schon immer machen wollte.

Als wir aber vom Campingplatz in Reutte, kurz hinter der österreichischen Grenze von der Straße Richtung Wald abbiegen, sind wir sprachlos, ja geschockt. Vor uns baut sich eine steile, grob geschotterte Rampe auf. Schon nach einigen gefahrenen Metern wird klar, dass wir hier schieben müssen. Die Hunde werden aus meinem Anhänger gescheucht und müssen laufen. Aber das allein reicht nicht. Wir müssen den schweren, voll gepackten Hundeanhänger, Ulrikes Fahrrad mit Lastenanhänger den Berg einzeln hinaufschieben.  Nicht einfach fröhlich pfeifend sondern keuchend und schnaufend bei gefühlten 20 % Steigung. Auch ohne Anhänger kann ich mein Fahrrad nicht in einem Zug hochfahren. Alles Fluchen und Kopfschütteln hilft nichts, hier müssen wir hoch, denn die Straße ist keine Alternative.

Während ich schiebe und auf die zwei Meter vor mir starre, kommt von hinten der Christian mit einem riesigen Gepäckaufbau auf seinem Retro- Mountainbike den Berg hochgeradelt. Retro-Mountainbike, das ist ein Mountainbike mit Stahlrahmen, alten Bremsen und alten Schaltungskomponenten, die heutzutage fast nur noch gebraucht zu bekommen sind.

„Bist Du alles hier raufgefahren?“ frage ich ungläubig. „A jo“ oder so ähnlich schwäbelt er zurück. Bei der folgenden kurzen Unterhaltung muss ich ihn allerdings daran erinnern, hochdeutsch zu reden. Ich bin nicht in der Stimmung, jedes Mal nachzufragen, was er gemeint hat. So schiebe ich weiter, er fährt, mir schießt der Schweiß aus allen Poren und er transpiriert ein wenig.

Ulrike und ich müssen viermal ansetzen, um jeweils Ulrikes Rad mit Anhänger, mein Rad und den bepackten Hundeanhänger zu schieben. Unsere Hunde laufen natürlich mit uns zusammen, alles dreimal hoch und wieder herunter. Wir lernen: Es geht, wenn auch nur langsam und mit Fluchen, Schwitzen und Keuchen, aber am Schluss sind wir oben. So haben sich garantiert auch die Römer mit ihren Ochsenkarren gefühlt.  Wenn ich an den Via Claudia Augusta in Deutschland zurückdenke mit seinen asphaltierten Wirtschaftswegen, die sich mit geschotterten Feldwegen abwechseln, war das noch ideal zum Einradeln. Jetzt im Alpenraum warten anscheinend Herausforderungen anderer Qualität auf uns.

Nach Reutte mit der von uns verfluchten Steigung wartet der Fernpass auf uns. Er ist mit 12oo Metern Höhe und einer 5 bis 8 %igen Steigung durchaus auch mal an einem Nachmittag machbar. Über diesen Pass rollt jedoch auch der gesamte Urlaubsverkehr von Norden Richtung Tirol. Dazu kommen noch eine ganze Menge LKW’s. Und da die Passstraße zwar breit, aber nur zweispurig ist, prallen hier die Fahrrad- und die Autofahrerwelten aufeinander. Hupen, Stinkefinger, Anfeindungen, starkes Beschleunigen gehören zu den Ausdrucksmöglichkeiten genervter PS-Ritter. Ja, habt ihr denn nichts Neues drauf? Für einen deutschen Autofahrer ist es eben völlig unverständlich, dass die Straße auch von anderen Verkehrsteilnehmern genutzt werden darf. Die können froh sein, dass ich keinen Ochsenkarren habe und einen auf alten Römer mache. War ich als Autofahrer auch so verständnislos in solchen Situationen? Natürlich nicht, niemals nicht!

Immerhin machen wir bei Gelegenheit Platz und lassen die anderen Verkehrsteilnehmer passieren. So bedankt sich ein LKW-Fahrer mit Sattelzug per Handzeichen. Autofahrer haben so etwas nicht nötig. Bis auf eine elegante Beifahrerin in einer schwarzen Luxuskarosse. Sie winkt uns beim Überholen freundlich zu. Ich gebe mein freundlichstes Lächeln zurück. Winken kann ich nicht, bei meiner langsamen Schleichfahrt von 6 km/h würde ich umfallen.

Leo ist die gesamte Strecke bis zur Passhöhe brav hinter dem Anhänger an der Leine hergelaufen und zeigt sich dabei recht unerschrocken. Aber für Clara, unser Prinzesschen, ist das etwas zu aufregend. So lässt sie sich die halbe Strecke im Wagen fahren. Oben auf der Passhöhe angekommen ist klar, dass der Adrealinausstoß bei uns Glücksgefühle und Euphorie auslösen. Den Pass runter fliegen wir regelrecht.

Zwischen Nassereith hinter dem Fernpass und Imst führt der Via Claudia Augusta durch lichten, bemoosten Nadelwald, mal ein kleiner Anstieg, mal eine Abfahrt mit ein paar leichten Kurven. Ein toller Abschluß eines anstrengenden Tages, ein Genuss für meine alte Mountainbiker-Seele.

In Imst legen wir erst einmal einen Ruhetag auf dem Campingplatz am Schwimmbad ein; bei 16€ pro Nacht mit kostenlosem Internetzugang und müden Beinen fällt uns diese Entscheidung nicht wirklich schwer.  Bevor wir am nächsten Tag unseren letzten großen Anstieg, den Reschenpass, angehen, genießen wir noch herrliche, frisch geteerte Radwege durch wunderschönen, saftig-grünen Laubwald. Abwechslung bringen die urigen, überdachten Holzbrücken über den Inn. So habe ich mir das vorgestellt: interessante und abwechslungsreiche Radwege mit viel Landschaft zum Sattsehen drum herum.

Nachdem wir Pfunds in Österreich an der Grenze zur Schweiz verlassen  geht es Richtung St. Moritz in der Schweiz. Nach ein paar Kilometern reisen wir in Martina kurz in die Schweiz ein und sofort wieder aus. Es geht links ab zum Reschenpass. Vor uns liegen 500 Höhenmeter in Richtung Nauders. Diese Nebenstraße wird allerdings recht gut von Autos und Motorrädern benutzt, da sie kurvenreicher und damit spannender als die direkte Piste von Pfunds nach Nauders ist.

Wir kurbeln uns gleichmäßig die Serpentinen hinauf.  Die Steigung ist mit 8-10% noch recht angenehm, jedenfalls wenn die Hunde angeleint neben ihrem Anhänger laufen. Der Ruhetag in Imst wirkt sich doch gut auf die Physis aus. Auf halber Strecke überholt uns Norbert aus Hanau, auch ein Hesse wie wir. Wir treffen ihn an der Nobertshöhe wieder, mit 1405m der Scheitelpunkt dieser Straße nach Nauders. Vier Monate hat er diesem Augenblick entgegengefiebert. Nach der Abfahrt treffen sich alle Radler wieder im Café des Supermarktes, um die verbrauchten Kalorien aufzufüllen.

Zum eigentlichen Reschenpass geht es von Nauders aus stetig und nur noch sanft ansteigend durch eine Wiesenlandschaft abseits der Autostraße: sehr lieblich aber längst nicht mehr aufregend. Den Grenzübergang bemerken wir nur, als wir an dem verwaisten Zollgebäude vorbei fahren. Seit den offenen Grenzen innerhalb der  Schengenländer läuft hier nicht mehr viel. Und dann sehen wir endlich den Kirchturm der durch den Staudammbau versunkenen Kirche von Reschen.

Und wer diesen Kirchturm sieht, hat es geschafft, er hat die Alpen überquert.  Nicht ohne Stolz sitzen wir am Stausee und beobachten den Zug der Wolken. Noch hält sich das Wetter, aber wärmende Jacken müssen wir schon anziehen. Den Pass runter fliegen wir wieder, doch bei 50km/h ist Schluss. Wir bremsen lieber ab. Habe ich da gerade ein „Feigling“ aus dem Hundeänhänger gehört. Leo, muss ich dich zur Ordnung rufen?

 

Kai Grimmel, 18.09.201, Monfalcone/Italien