
Clara nimmt Kontakt zur Hundewelt in Kas / Türkei auf.
Sensibelchen
Wie gern würde ich mal wieder mit einem Huhn spielen, aber dazu komme ich ja nun nicht mehr. Immer wenn meinen Menschen auch nur vermuten, dass ein Huhn frei rumlaufen könnte, werde ich sofort angekettet. Nix mit „als mündiger Hund reisen“! Von Zeit zu Zeit gibt es mal Hühnerklein mit Nudeln zum Abendbrot. Als ob das ein vollwertiger Ersatz ist.
Seit einiger Zeit arbeiten wir intensiv an meiner Katzenallergie. Schon seit frühester Jugend bin ich gegen jede Art von Katzen allergisch. Immer wenn ich eine sehe, sogar im Fernsehen, fange ich an zu zittern und fiepe. Dieses unmenschliche Jucken in den Pfoten, das mich dann befällt, lässt sich nur durch einen rasanten Sprint Richtung Katze beseitigen. Wenn sie dann auf dem Baum sitzt, kommt noch ein starker Bellreiz dazu, den ich erst in den Griff bekomme, wenn ich mehrmals laut gerufen werde. Es ist schon erschütternd, was so eine Erkrankung aus einem kleinen, sensiblen Hund macht.
In Griechenland sind meine Großen dann aktiv dagegen vorgegangen. Als wir morgens früh in Kos von der Fähre kommen, ahne ich noch nichts Böses. Aber dann beim ersten Spaziergang durch die Stadt geht es los. Katzen, wo immer meine sanften, braunen Hundeaugen hinschauen. So bin ich den ersten Tag ein armer Leinenhund. Auf dem Balkon unseres Zimmers stellt mir Ulrike einen Stuhl so hin, dass ich die Straße beobachten kann. Und wieder überall Katzen. Ich gewöhne mich an den Anblick, bekomme aber das Zittern nicht in den Griff. Der nächste Schritt der Hypo-Sensibilisierung ist der Gang zum Café. Dort gibt es ein ganz abgebrühtes Katzenvieh. Ich sitze neben dem Stuhl, natürlich an der Leine, da sehe ich sie kommen. Ich stehe auf, zittere, versuche ihr, mit meinen Drohgebärden zu imponieren. Ich komme fast um, so juckt es in meinen Pfötchen. Aber davon nimmt dieser Haustiger ja gar keine Notiz. Das Grauen kommt näher und näher. Und dann setzt sich die blöde Miezekatze genau so hin, dass ich sie nicht erreichen kann und schaut mich interessiert an. Es braucht die gesamte Länge eines Kaffees, bis ich mich beruhige. Und dann auch nur, weil wir das Lokal verlassen. Ach ja, die Kosten so einer Therapie übernimmt natürlich keine Krankenkasse. Dann geht der Entsensibilisierungsstress weiter. Wir gehen um eine Ecke, da sitzt schon wieder eine Katze, dort noch eine und noch eine. Und jede faucht mich an und denkt gar nicht daran, wegzulaufen. Ich will euch nicht an jedem Kapitel meiner Leidensgeschichte teilhaben lassen. Aber die Hypo-Sensibilisierung zieht sich über Kos, Rhodos bis in die Türkei hin. Geheilt bin ich nicht ganz. Aber jetzt habe ich ein ganz wirksames Mittel gefunden, um nicht wieder in alte Verhaltensmuster zurückzufallen: Ich strafe die alten Mikrobenschleudern einfach mit Missachtung. In Kas laufe ich schon wieder ohne Leine herum. Nur wenn mir doch eine zu frech kommt, überkommt mich dieses Pfotenjucken und ich muss sie einfach scheuchen. Dann ist es auch fürs erste wieder gut.
Hört sich an, als ob ich ein Weichei bin? Ein Warmduscher, ein Nurgekochtesfleischesser? Der Eindruck täuscht aber gewaltig. Mir war es schon lange klar, aber meinen Menschen wird es erst jetzt richtig deutlich: Ich bin ein richtig großer Hund! Nur in einer etwas zu kleinen Verpackung. Meine Clara verteidige ich, wenn ihr ein großer Hund zu nahe kommt, egal ob er mit Nachnamen Dobermann oder Pitbull heißt. Sie ist zwar nicht immer ganz damit einverstanden, denn sie flirtet doch recht gern – Weiber! Aber ich kann meine Frau ja nicht einfach von fremden Hunden beschnüffeln lassen.
In Kas, im Süden der Türkei, treffen sich nachmittags die Hunde unten am Hafen. Da meine Großen auch immer dort hingehen, um ihren täglichen Teeritual zu frönen, kenne ich die Truppe dort unten schon recht gut. Alles recht verträgliche Streuner. Wir raufen, balgen und scheuchen gemeinsam Katzen. Bis auf den einen Tag. Da meinten doch so zwei große schwarze Zeckenteppiche mich als ihr Opfer auserkoren zu müssen. Ich kenne meine Grenzen und weiß sofort, hier hilft nur eins: WEG! Ich suche meine Menschen, kann sie aber nicht sehen. Also zurück zum Café, keiner zu sehen. Dann muss es auch so gehen. Ab unter den nächsten vollbesetzten Tisch und zwischen wildfremden Menschenbeinen Schutz suchen. Es geht gut aus, Kai kommt und rettet mich. Puh, manchmal bin ich doch über meine kleine Verpackung recht froh, sonst wäre ich schlecht unter den Tisch gekommen.
Zur Verwunderung meiner Menschen gehe ich einer gepflegten Rauferei auch nicht mehr aus dem Weg. Auf dem Campingplatz kommt Tappa an. Er ist ein 45 Kilo Labrador-Koloss aus Brasilien und mit seinen Menschen auf Tour. Dass der kein Problem für mich sein wird, war mir sofort klar, als er sich mit dem Riesen-Kangal, einem halbwilden türkischen Hütehund, der auf dem Campingplatz an der Kette gehalten wird, anlegt. Hast du nicht gesehen, fünf Löcher im Pelz und der Hodensack aufgerissen. Dass sind Schmerzen. Und dann bindet ihm der Tierarzt auch noch einen rosa Trichter um den Hals, damit er nicht an den Wunden leckt. Wenn es erst mal doof läuft, dann aber auch so richtig.
Nunja, aber mich schreckt das nicht, abends als Tappa in mein Revier kommt, weil meine Menschen seine Menschen einladen, mache ich einen auf freundlich, schleiche mich von der Seite schwanzwedelnd an und zack, hänge ihm am Hals wie ein Diamantenkollier. Er schaut aus wie Camilla Parker-Bowles, die einen Knicks vor der Queen machen muss. Unsere Menschen sind etwas uncool, also werden wir ins Bett geschickt. Ich ins Zelt, Tappa in das kleine Wohnmobil. Aber diese Nacht versuche ich es noch mal. Ich melde mich bei meinen Menschen zur Pipipause ab und schleiche mich rüber. Die Tür zum Wohnmobil ist zu, ich hatte nichts anderes erwartet. Ich rufe und belle, fordere ihn zum Kampf heraus, um die Revierfrage zu klären. „Komm raus! Los, trau dich! Nur du und ich! Du darfst die Waffen wählen.“ Was soll ich sagen. Er kommt natürlich nicht. Am nächsten Morgen versucht er sich rauszureden: „ Ich wollte ja rauskommen. Echt, schwör, doppelschwör. Aber ohne Daumen kann ich die Tür nicht öffnen.“
Ich drehe mich nur um und gehe weg. Was ist das denn für eine bescheuerte Ausrede. Dass kann doch nur einem Brasilianer mit rosa Samba-Kostümchen einfallen, oder?
Leo, niedergeschrieben von Ulrike, 10.02.2011, Antalya / Türkei