Grenzerfahrung ...
Bikes on World Tour

Rumänien (06/2003)

  • 22,4 Mio Einwohner = 94 Einwohner je qkm
  • 6.800 USD Bruttoinlandsprodukt pro Kopf (2001)
  • 45 % der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze
  • 9,1 % Arbeitslosenquote
  • ca 200.000 km Strassennetz davon 50.000 km unbefestigt

(Quelle: CIA Factbook 2002)

Unsere Tour

  • 1630 km gefahren
  • 9 Tage Aufenthalt
  • 0,64 Euro / Liter Benzin
  • 38.000 Lei / Euro
  • Budget incl. Benzin: 16 Euro / Person Tag

Strecke: Oradea - Deva - Sebes - Sibiu - Fagaras - Zarnesti - Balea Lac (Muntii Fagaras) - Agnita - Sibiu - Paltinis (Muntii Cindrei) - Lac Lotrului - Petrosani - Craiova - Alexandria - Giurgiu

Besondere Vorkommnisse:

  • Reifenwechsel fuer 3 Euro
  • Kai hat seine Maschine mal wieder seit Langem geschmissen.
  • Fliegen in den Fagaras. Movie 2.5 MB

 

Muntii Lotrului
einer dieser tollen Sonnenuntergaenge ueber dem Lotrului Stausee

Zu Anfang unserer Reise haben wir uns vorgenommen, immer nur über ein oder zwei Highlights zu berichten. Aber wir können uns einfach nicht entscheiden. Ist/sind es

  • die Frau am Dorfbrunnen, die Wasser holt
  • der uralte, langsame Zug, den wir zwischendurch überholen
  • die frei herumlaufenden Pferde, Kühe, Ziegen, Schafe und Wasserbüffel, die nur durch einen Graben von der Transitstrecke getrennt sind
  • die Transitstrecke, die durch die Orte betoniert wurde und die Häuser links und rechts im Staub und Lärm untergehen. Oftmals ist keine andere Straße asphaltiert und selbst der Kirchplatz besteht aus gestampften Lehm
  • die rasenden LKW's von uralt bis super modern, die uns immer wieder überholen
  • die Schlaglöcher, die riesig sind und wir uns nie ganz sicher sind, ob nicht doch die F650 ganz darin verschwindet
  • die alten Ömakens (Lippisch für Omas) ganz in schwarz mit Kopftuch und krummem Rücken
  • die hyper-modernen Tankstellen, die genauso aussehen, wie die in Deutschland mit Shop und allem drum und dran
  • die Pferdekarren, die hier noch ein gebräuchliches Fortbewegungsmittel darstellen
  • die 3 Jungs auf einer Tankstelle, die erst neugierig aber vorsichtig um unsere Motorräder herum schleichen und als wir mit ihnen ins Gespräch kommen, sie uns ihre Wrestlingmedaillien voller Stolz zeigen, die sie an dem Wochenende bei einem Wettkampf gewonnen haben
  • die Zigeuner in ihren Palästen im Süden, die aussehen, wie aus Tausend und einer Nacht oder Disneyworld
  • die Polizisten, die uns anhalten weil wir angeblich über eine rote Ampel gefahren sind, uns  je erst 3 Mio Lei (ca. 80 Euro) abknöpfen wollten und plötzlich, ohne dass wir irgendetwas gesagt haben, nur noch jeweils 500.000 Lei wollten
  • der Mann auf der Post, der uns dabei geholfen hat, unser Strafgeld zu bezahlen und uns dafür durch die ganze Stadt geführt hat und es sich außerdem nicht nehmen ließ, die 2000 Lei (= 5 Euro Cent) für die Kopien der Belege zu zahlen
  • der ältere Mann, der auf dem ersten Blick ein wenig ungepflegt wirkte, und sich unsere Motorräder anschaute, als wir in der Stadt etwas zu erledigen hatten. Nach einer ganzen Weile schaut er auf, und fragt Ulrike in akzentfreiem Deutsch: "Wieviel PS hat diese Maschine?" Noch ein kleines Schwätzchen über die Technik, dann wünscht er eine gute Weiterreise und verabschiedet sich. Ein echter Siebenbürger Sachse

Wir können uns nicht entscheiden, denn die Liste wird immer länger. Also versuchen wir es mal ganz allgemein.

Wir kamen nach Rumänien mit einem Bild, geprägt durch die deutschen Medien, das eigentlich nur Armut und klauende Banden zeigte. Inzwischen schwärmen wir von dem Land, seiner Schönheit, seinen offenen und hilfsbereiten Einwohnern und seinem Überlebenswillen.

Auf den ersten Blick sieht alles verfallen und kaputt aus. Aber als wir genau hinschauen, sehen wir, dass überall gebaut und renoviert wird. Jeder wie er kann und wie er Geld zur Verfügung hat. Manche Dörfer, besonders die in den Siebenbürger Karpaten sehen so aus, wie um die Jahrhundertwende (letztes, nicht dieses). Und dann fahren wir ein Stück weiter und halten an einer supermodernen Tankstelle, die den unseren in keiner Weise nachsteht. Die eine Frau, die uns am Straßenrand anspricht, da sie so gern deutsch spricht hat einen guten Vergleich. Als sie auf einer diesen ganz neuen Tankstellen auf Toilette geht und sieht, dass alles automatisch ist, glaubt sie, sie wäre in einem UFO. Wir befinden uns auf einer Zeitreise, vor-zurück-vor-zurück.

Wenn wir durch Ortschaften fahren, kommen wir uns vor, wie Queen Elisabeth und Prinz Charles. Ständig winken uns die Leute zu und wir winken gern zurück. Wenn wir Pause machen, kommen die Menschen und schauen sich die Motorräder an. Besonders Kai 1100'er bereitet einiges Aufsehen. Aber es ist Interesse und Begeisterung und nicht Neid, was wir erfahren.

Bei einem gemütlichen Abendessen zusammen mit zwei deutschen, die wir unterwegs treffen, werden einige unserer Erfahrungen bestätigt und mit weiteren Vorurteilen aufräumt. Florentina ist gebürtige Rumänin und kann uns daher so manches erklären. Ja, die Zigeuner sind ein Problem (wir benutzen den in Rumänien üblichen Ausdruck und nicht den in Deutschland politisch korrekten Sinti und Roma). Da Ceausescu über ein großes Volk herrschen wollte, versprach er seinen Volk, mächtig viele Vergünstigungen (z.B. keine Miete), für die jenigen, die viele Kinder haben. Die Rumänen, die schon immer nur 1 bis 2 Kinder bekamen, konnte er damit aber nicht überzeugen. Allerdings zog das die Zigeuner an, die schon immer große Familien hatten. So wurde Rumänien zu einem Eldorado für Zigeuner und ihre Zahl wuchs von ca. 200.000 zu Beginn von Ceausescus Regierungszeit bis zum Schluss auf über 5 Mio. Menschen an, die vom Staat verwöhnt wurden und nach dem Fall des Regimes vor dem Nichts standen. Klar, dass das Probleme gibt. Ob Zigeuner klauen? Wir haben es nicht erlebt (weil immer jemand auf die Motorräder aufgepasst hat). Aber wir haben Geschichten gehört, dass sie sogar die Wäsche vom Balkon im ersten Stock klauen, indem sie eine Schnur um eine Katze wickeln und diese in die Wäsche werfen. Krallt die Katze sich fest, wird sie zurück gezogen und schon hat das T-shirt den Besitzer gewechselt. Auch erzählte uns einer, dass er nun endlich eine Garage hat, um die Wäsche zu trocknen, draußen kommt sie halt immer weg.

Genug der Geschichten, die uns erzählt wurden. Dass die Zigeuner zum großen Teil in Rumänien verarmt sind, ist offensichtlich. Liegt es daran, dass sie diskriminiert, dass sie oft nicht lesen und schreiben können, oder daran, dass sie Jungs oft nur bis zur dritten oder vierten Klasse und die Mädchen gar nicht in die Schule gehen lassen? In Rumänien versucht man, dem mit einem Gesetz zur Schulpflicht bis zur 10. Klasse Herr zu werden, das drastische Strafen vorsieht, wenn Eltern ihre Kinder nicht in die Schule schicken. Das die Zigeuner im 12. Jahrhundert als Sklaven nach Europa verschleppt wurden, aber schon nach kurzer Zeit wieder freigelassen wurden, weil sie dazu nicht taugten, konnten wir so schnell nicht verifizieren, aber vorstellen können wir es uns schon.

Nochmals genug. Das Thema ist weit, die Vorurteile sind viel, der Fakten im Vergleich wenig. Einen kleinen Einstieg gibt es bei http://www.encarta.de/find/Concise.asp?z=1&pg=2&ti=761568856

Bei Encarta.de läßt sich auch nachlesen, dass Rumänien, nicht eins der üblichen Ostblockländer war. Das Ceausescu das Land mit seinem Größenwahn wahrlich in den Ruin getrieben hat, läßt einen wütend werden, besonders wenn man sieht, wie die Menschen bei 35 Grad im Schatten mit Haken auf dem Feld arbeiten und abends müde mit dem Pferdekarren nach Hause fahren. Das Leben kann hier sehr mühsam sein.

Wir fahren ab und haben eine überraschende Gastfreundschaft erlebt, die uns ein Gefühl von Geborgenheit gibt. Auch das echte Interesse und nicht die Suche nach der schnellen Mark (ähhhh Euro) überrascht uns. Wir fühlen uns hier sicher.

Wer kann das schon so uneingeschränkt sagen, der Urlaub am Mittelmeer macht?

(Ulrike Teutriene, Bulgarien 13.06.2003)