Grenzerfahrung ...
Bikes on World Tour

Ulrike im Allgaeu

Schmalspurig

„Ihr hättet erst die Fahrradtour und dann die Motorradreise machen sollen. Dann wüsstest ihr jetzt noch nicht, wie leicht alles mit dem Moped ist.“ Toller Tipp des Australiers, den wir in Split/Kroatien mit dem Fahrrad treffen. Wir haben es nun halt anders herum gemacht. Selbst Schuld.

Ist das Motorradfahren wirklich besser? Kai nickt heftig. Ich bin noch indifferent. Mit dem Fahrrad ist das Reisen anders  weil langsamer und bedächtiger. Bedächtig wählen wir auch unsere Route. Denn was auf der Karte und im GPS-Gerät ganz einfach und nah aussieht, kann in der Radfahrerwirklichkeit schnell zur Hölle werden. So geht es uns, als wir am späten Nachmittag im Etsch-Tal in Südtirol nach einem Campingplatz suchen. Der nächste ist fünf Kilometer Luftlinie entfernt, etwas westlich, heißt also in das einmündende Tal Richtung Gardasee. Die Steigung sieht aus der Ferne gar nicht so dramatisch aus. Erst einmal im Nachbartal angekommen scheint es, dass es dann nur noch ein paar Kurven gibt und schon sind wir an einem netten, abgelegenen Campingplatz. Aber wir sind so was von auf dem Holzweg, der Trip wird zur Hölle. Die Steigung über sechs Kilometer ist immens. So strampeln wir mit knapp 5 km/h auf einer zweispurigen Einbahnstraße den Pass hoch, neben uns brausen PKW’s, LKW’s, Scooter, Motorräder und Busse mit mindestens 80 km/h hoch. Es ist Rush-Hour zwischen Trento und Rovereto am Gardasee. Jeder will nach Hause und das möglichst schnell. Die Krönung, falls es richtig ist bei der Hölle von Krönung zu sprechen, ist der Tunnel, durch den wir nun langsam berghoch ziehen. Es ist laut und eng und es ist für uns nicht mehr zu unterscheiden, ob ein PKW, ein LKW oder nur ein Motorrad von hinten ankommt. Es scheint nur eine Verkehrsregel in dem Tunnel zu gelten:  Lieber tot als bremsen. Wir haben das Gefühl, die Busse wollen uns die Trikots mit dem Seitenspiegel ausziehen. Kai dengelt mehrfach mit dem Anhänger an den viel zu hohen Bürgersteig an. Für Spaziergänger ist der wahrlich nicht gemacht. Leo muss hinter dem Anhänger herlaufen, seine acht Kilo kann Kai nicht auch noch ziehen. Armes Kerlchen, er schaut sich gestresst um, läuft aber brav ganz rechts hinter dem Wagen her. Clara darf im Wagen sitzen bleiben und zittert trotzdem wie Espenlaub. Kai und ich wagen es kaum hochzuschauen, um nur nicht die Balance zu verlieren. Zur ganzen körperlichen Anstrengung kommt auch noch eine gute Portion Adrenalin, manche sagen auch pure Angst. Angst, nicht ausweichen zu können und somit das eigene Schicksal in die Hände Anderer zu legen. In der Hoffnung, dass sie vor Feierabend nicht noch zwei Radfahrer plätten wollen, ziehen wir unsere Spur.

Als wir den Tunnel verlassen, sind wir am Ende unserer Kräfte, atmen erleichtert durch. Wir haben alles gegeben, um möglichst schnell aus der Gefahrenzone herauszukommen. Ich bin völlig verkrampft. Jeder andere hätte gekotzt, denke ich mir, würde das aber aufgrund meiner guten Kinderstube natürlich niemals sagen.

Nun gut, der Tunnel ist Geschichte, die Ausfahrt von der Schnellstraße kommt auch bald, dann muss doch bald der verdammte Campingplatz kommen. Nix da, wir müssen den Berg wieder runter, durchs Dorf, auf der anderen Seite wieder hoch, so richtig steil vom Feinsten. Ein deutsches Paar kommt uns beim Abendspaziergang entgegen und er fragt mich, als ich die letzten steilen Meter schiebe: „Und das soll Spass machen?“ Wie gut, dass ich völlig erschöpft bin, sonst hätte ich ihm gerne meinen Lenker um den Hals gewickelt.

Als wir letztendlich am Platz ankommen, sagt der freundliche Campingplatzangestellte nur: „Zelt kein Problem, 30 Euro prego.“ Kai starrt mich fassungslos an, verliert die Gesichtsfarbe um dann gleich wieder Zorn-Rot aufzulegen. „Nun demolier‘ nicht gleich die Duschen, wir bleiben“ versuche ich ihn beruhigen. „OK, vielleicht sollten wir auf den Schock ein Bier an der Bar trinken, bevor wir unser Zelt aufbauen. Die haben hier eine schöne Terrasse mit Blick über den See.“ Aber vier Euro für ein kleines Bier! Wenn Kai könnte, würde er mal gerade die Bar in die Luft sprengen und im See versenken.

Das ist der teuerste Campingplatz, den wir bisher hatten, aber haben wir eine Wahl? Zurück nach Trento schaffen wir kräftemäßig nicht mehr, einen anderen Campingplatz gibt es nicht, fürs Wild-Campen ist das Tal zu eng. So bleiben wir notgedrungen und gehen erst einmal extra lange duschen. Irgendwie müssen wir uns ja schadlos halten.

Was haben wir gelernt? „Mal gucken, wie es dort aussieht“ kann der Radfahrer schnell bereuen besonders am späten Nachmittag. Unsere Streckenauswahl richtet sich nach unserer Körperleistung, also „Was können wir schaffen?“ und nicht „Was wollen wir sehen?“ Ein großer Unterschied, der uns ganz schön frustriert hat und uns hart auf dem Boden der Radfahrerrealität aufschlagen lässt. So haben wir in dem sehr bergigen Kroatien so machen sehenswerten Ort von unserer Karte gestrichen. Mit dem Moped haben wir die kurvigen Bergstraßen gesucht, nun meiden wir sie. Von Zeit zu Zeit kann ich die Berge genießen. Geht es in den Bergen so richtig runter, bremse ich nicht mehr bei 50 km/h ab. Endlich kann ich mich mal wieder in die Kurve legen.

Der Höllentrip hat uns auch verdeutlicht, dass wir im wahrsten Sinne des Wortes schmalspurig unterwegs sind. Mit dem Motorrad sind wir vollwertige, wenn nicht gar überlegene Mitglieder des Straßenverkehrs. Der Gashahn gibt aktive Sicherheit. Das Fahrradpedal lässt uns nur passiv und möglichst vorausschauend am Straßenverkehr teilnehmen. Wir sind in der Straßenhierarchie unten angekommen.

Haben wir auf dem Motorrad mehr gesehen als auf dem Fahrrad? Mit dem Moped sind wir schnell mal links und rechts die Wege hoch, um ein Dorf, ein Tal, eine andere Gegend anzuschauen. Nun sehen wir nicht so viel Gegend, dafür aber mehr Details. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass in Kroatien kleine rosa Alpenveilchen blühen. Und wie viele Schmetterlinge es gibt. Wir sehen viel mehr, denn wir sind langsam und leise unterwegs. Wenn wir uns nicht gerade unterhalten. Das geht ganz ohne Blue Tooth oder Gegensprechanlage.

Nicht jeder Tag ist gleich. Es gibt große Tage, voller Euphorie, tollem Wetter, das Meer sehen, die den Pass erklimmen, den Ausblick genießen. Es gibt kleine Tage, an denen wir schlicht treten, um voran zu kommen. Nix passiert, nix Hervorragendes, aber auch nichts Schlechtes. Und es gibt Scheiß-Tage mit Regen, Muskelschmerzen und „Nix-geht-mehr“. Auf dem Fahrrad erleben wir viele kleine Tage. Daran müssen wir uns erst gewöhnen.

Dass wir nur noch einmal die Woche an der Tankstelle halt machen, um unseren Benzinkocher aufzufüllen, daran haben wir uns allerdings schnell gewöhnt. Und das hat doch aus was. Meint jedenfalls unser Geldbeutel.

Ganz erstaunt sind wir immer noch über unsere Leistung. Zu Beginn liege ich jeden Abend auf meiner Matratze und kann vor Stolz kaum einschlafen. Jeden Kilometer, den wir zurücklegen, haben wir mit eigener Muskelkraft hinter uns gebracht. Das merken auch unsere Muskeln und wachsen deswegen kräftig. Das macht nichts, denn sie verdrängen dafür das Fett. Aber das ist ja nur die eine Seite. Mein Selbstbewusstsein wächst auch. Motorradschlüssel umdrehen und losbrausen kann ja jeder. Aber die Klamotten mit eigenem Muskelmotor durch die Gegend ziehen, davor haben viele einen Heidenrespekt. So weit im Süden Europas ziehen auch die Motorradfahrer den Hut (oder Helm) vor dieser Leistungund grüßen uns wieder, jedenfalls die mit Alukoffern. Während wir in Deutschland noch in einer Zwei-Klassen-Zweiradgesellschaft unterwegs waren, sind wir hier nun alle wieder Reisende.  Nur haben wir die besser aufgepumpten Waden.

Ulrike Teutriene, 04.11.2010, Nea Selefkia/Griechenland