
Paranoid und detailversessen
Die grauhaarige Buchhändlerin lacht schallend. „Eine detaillierte Straßenkarte von Albanien? Für die eine Straße?“ Sie lacht herzhaft weiter. Hat wohl keinen Zweck zu fragen, ob andere Geschäfte in Dubrovnik so eine Karte haben könnten. Wir wollen auf jeden Fall durch Albanien reisen, dann eben auch ohne Karte. Aber es soll welche an den Tankstellen kurz hinter der Grenze geben. Und so ist es dann auch.
Von denen, die noch nicht hier waren, haben wir über Albanien und die Albaner nicht viel Gutes gehört. "Waren das nicht Albaner, die sich am Frankfurter Hauptbahnhof eine Schießerei geliefert haben? Mit Maschinengewehren?“ „Das ist eines der ärmsten Länder Europas, die klauen euch alles!“ Hm, den einfachen Zusammenhang zwischen arm und klauen nehme ich so nicht hin. Wir sind schon durch ärmere Länder gereist und hatten keine Angst um unsere Habseligkeiten. Irgendwo in einem sehr armen Land, das wir auf unserer letzten Reise besucht haben, sagte uns eine alte Dame: „Diebstahl, das ist kein Respekt vor dem Eigentum anderer. Nicht zu stehlen ist eine Frage der Ehre.“
Von denen, die durch Albanien gereist sind, hören wir nur Gutes und so machen wir uns frohen Mutes auf den Weg. Den wir dann zu Beginn doch wieder etwas sinken lassen. Der Norden Albaniens beginnt mit einer ausgedehnten Tiefebene. Endlich mal flache Etappen und nicht eine Steigung nach der anderen. Und eigentlich genug Platz, ein Camp für die Nacht zu finden. Aber nach den heftigen Regenfällen der letzten Tage ist der Boden durchgeweicht und sieht nicht besonders einladend aus. Außerdem ist jeder freie Platz gänzlich verdreckt. Gut gefüllte Plastiktüten wohin wir schauen. Was dort drin ist, wollen wir gar nicht wissen. Aber es riecht fürchterlich, die Luft ist erfüllt von einem modrigen Geruch. Ist Armut auch ein Grund für Abfallentsorgung italienischen Stils? Das Sammeln und Recyceln von Abfall wie in Deutschland kann sich nicht jedes Land leisten. Aber alles einfach hinter dem Grundstück in den Graben schmeißen? Pampers und Fresstüten am Parkplatz liegen lassen? Der Müll am Straßenrand ist zwar überall sichtbar, aber nicht das größte Problem. Später finden wir heraus, dass Albanien das Land mit der größten Umweltverschmutzung Europas ist. Wasser, Boden und Luft sind durch die Altlasten der Industrie stark belastet. Die Luftverschmutzung nimmt durch den wachsenden Individualverkehr weiterhin zu. Bevorzugt werden robuste Dieselfahrzeuge, die die Staubbelastung hochhalten. Und wer seinen Müll nicht hinter den Gartenzaun werfen will, verbrennt ihn einfach, was bei dem hohen Plastikanteil seinen Teil zu dem Problem beiträgt.
Mit dem Fahrrad sind wir langsam unterwegs und sehen viel. Die vielen angefangenen Betonbauten finden wir befremdlich und erinnern an die frühen Bausünden Italiens und Spaniens. Ist dem Bauherren das Geld ausgegangen und wurde ein Baustopp für unbestimmte Zeit eingelegt? Oder hat da jemand schon mal angefangen zu bauen und dann stellte sich heraus, dass das Grundstück vielleicht doch jemand anderem gehört? Albanien knabbert immer noch an den Folgen der jahrzehntelangen Diktatur und deren Zusammenbruch 1990. Noch immer ist die Verteilung des Bodens nicht abschließend geregelt, der während der stalinistischen Diktatur ausnahmslos dem Staat gehörte. Bauruinen kann es allerdings auch aus einem anderen Grund geben. Im Süden des Landes bei Ksamil, kurz vor der griechischen Grenze, kommen wir durch das Dorf der 200 einstürzenden Neubauten. Es ist fast nicht zu glauben, aber mitten im Ort sehen die Häuser aus wie nach einem Erdbeben. Erdbeben in Albanien? Wir können uns nicht erinnern, dass hier in der jüngeren Vergangenheit etwas Derartiges passiert ist. Die Hotelbesitzerin, bei der wir für eine Nacht Unterschupf finden, klärt uns auf. 2007 wurde schlechter Beton aus Tirana geliefert. Die Häuser sind nach kurzer Zeit einfach zusammengebrochen. Es wurde ein totaler Baustopp für die gesamte Stadt verhängt und nun warten alle, was passieren wird. Wahrscheinlich nicht viel. Denn das wissen wir ja alle, aus Hauptstädten kommen selten gute Lösungen.
Die Menschen im Norden sind sehr freundlich und haben ein gutes Herz. Aber wir haben immer das Gefühl, das alles mehr auf der aggressiven Seite abläuft. Der Straßenverkehr, die Männer, die uns aus dem Auto ein „Hello how are you?“ zubrüllen oder die Busfahrer, die uns grüßend zuhupen. Direkt neben uns ist das so laut, dass wir fast vom Fahrrad fallen. Das geht uns gepflegt auf die Nerven.
Erst im Süden des Landes werden wir etwas versöhnlicher. Die Landschaft wird bergig und damit interessanter. Und es hört endlich auf zu regnen. Wir können uns nicht helfen. Länder, in denen es regnet, finden wir nicht sympathisch. Ungerecht und kindisch? Tja, als Radfahrer hat sich unser Blick etwas verengt.
Im Süden liegt der Llogara-Pass mit über 1000 Höhenmetern vor uns. Die letzten sieben Kilometer sind mit 10% Steigung die Hölle. Ob wir so eingeschüchtert oder die Beine etwas müder sind als sonst, wir wissen es nicht. Aber schon im unteren Teil des Passes verzweifeln wir an der ersten moderaten Steigung. Wie sollen wir das heute nur schaffen? An der zweiten Steigung bleiben wir einfach stehen. „Das geht heute nicht!“ ruft Kai. „Und morgen auch nicht!“ füge ich in Gedanken bei.
Wir halten an und den Daumen hoch. Aber wer soll uns mit den Fahrrädern und Anhängern schon mitnehmen. Wäre es nicht besser gewesen, schon unten im Dorf jemanden zu finden, der uns für kleines Geld den Pass hochbringt? Nun stehen wir hier am Straßenrand und hoffen, dass sich jemand erbarmt. Und tatsächlich, der erste Pick-up hält an. Die Ladefläche ist zu klein und so müssen wir ihn leider ziehen lassen. Ob wir heute an einem Sontag nochmal jemanden finden, der uns mitnimmt? Keine zehn Minuten später hält ein Transporter an und raus schaut ein den Tag genießender Albaner, der uns anlacht. „What can I do for you?“. Eine ganze Menge. Ob sie uns mit hoch zum Pass nehmen können. „Of course! No Problem!“ Räder und Anhänger sind schnell verstaut, wir krabbeln auch hinten mit in den Wagen und los geht es. Wir genießen den Ausblick ohne selbst strampeln zu müssen und als es dann kurz vor der Passhöhe richtig steil wird sind wir heilfroh, dies nicht mit eigener Muskelkraft bewältigen zu müssen.
Joe, der lebenslustige Albaner hat lange Zeit in den USA gelebt und dort Pizza gebacken. Sei das übliche Geschäftsmodel, sagt er. Die Italiener hätten keine Lust mehr dazu und dann würden das eben die Albaner machen. Er ist einer der vielen Albaner, die das Land verlassen haben, um in der Ferne Geld zu verdienen und so ihre Familien in der Heimat zu unterstützen. Ungefähr 15% des Volkseinkommens werden so erwirtschaftet. Eine gute Zahl? So kommt wenigstens etwas Geld ins Land, denn ausländische Firmen investieren immer noch sehr ungern in Albanien. Es gibt zwar schon mehr als eine gute Straße und es wird viel gebaut, aber dennoch ist die Infrastruktur recht dürftig. Und die sehr schlechte Stromversorgung und die bereits oben genannten ungeklärten Eigentumsverhältnisse schaffen nicht viel Vertrauen. Albanien hat noch einen langen Weg zu gehen. Der NATO-Beitritt im April 2009 und der Antrag auf EU-Mitgliedschaft haben den Weg aber in eine Schnellstraße verwandelt, nun ja wenigstens in eine asphaltierte Straße.
Mitten in unserer Plauderei mit Joe über Land und Leute halten wir zu unserer Überraschung erst einmal an. Frühstückspause in seinem Lieblingsrestaurant. Wir wollen die Rechnung übernehmen, aber der Versuch scheitert. Ja, sagt Joe, es wird zu viel gestritten im Land, meistens darüber, wer die Rechnung bezahlt. Er lacht wieder mal herzlich. Weiter geht es und die Passhöhe ist bald erreicht. Ob wir wirklich aussteigen wollen? Ja klar, bergab können wir wieder selbst radeln. Ob wir sicher sind? Na klar! Einige Kilometer später wissen wir, warum unser Chauffeur so intensiv nachgefragt hat.
Die Straße führt zwar entlang der Küste, aber die ist extrem bergig und Brücken und Tunnel wurden sicherlich aus Kostengründen eingespart. Kai und ich hören auf, die Schilder zu zählen, die vor den 10%-Steigungen warnen. Aber wir nehmen es leicht, ok relativ leicht. Die Landschaft ist wunderschön und als wir nachmittags um drei in einer Schlucht neben einem rauschenden Gebirgsbach ein Plätzchen für unser Zelt finden, bleiben wir einfach dort. Neben dem donnernden Wasser verbringen wir eine der lautesten Nächte dieser Reise.
Auch am nächsten Tag gehen wir die Steigungen gelassen an. Langsam kurbeln wir uns hoch, genießen die Ausblicke und machen so oft wie möglich halt, um einen dieser wohlschmeckenden Kaffees zu trinken. Um fünf Uhr abends halten wir nochmal in einem Dorf, kaufen Wasser, nehmen unseren letzten Kaffee für diesen Tag zu uns und nicken den Einheimischen zu, die uns freundlich, aber erstaunt anschauen. Leute, die ihre Hunde durch die Gegend kutschieren, kommen hier eher selten vorbei. Bergig wie es hier ist, bleibt uns bei der Schlafplatzsuche nichts anderes übrig, als unser Zelt auf einer Felskuppe aufzubauen. Da wir uns nicht beobachtet fühlen, sitzen wir mit unseren Stirnlampen im Zelt und konferieren noch einmal über die schlimmsten Anstiege und schönsten Ausblicke. Von der Straße aus muss unser Zelt ein wie auf Ruhezustand heruntergefahrenes UFO aussehen, leicht leuchtend eben. Wir hören, wie ein Wagen den Weg hochrumpelt, erkennen, dass es die Polizei ist. Ich sehe uns schon alles wieder einpacken, Zelt abbauen und durch die Nacht weiterradeln. Aber nix da. Sie sehen uns und drehen direkt wieder um: „Ach so, das sind ja nur unsere zwei Radfahrer, die heute Nachmittag schon im Dorf waren.“ Sie steigen nicht mal aus dem Wagen aus.
Am nächsten Morgen stromert Kai mit den Hunden herum, um das schöne Morgenlicht einzufangen. Er hat wieder Fotos von seinem neuen Lieblingsobjekt geschossen. Kai entwickelt sich in Albanien zum Bunkerfotografen. Wir haben sie nicht alle gezählt, aber es soll in ganz Albanien mehr als 700.000 Einmannbunker geben, die wie Pilze aus dem Boden ragen. Was soll das denn? Das haben wir uns auch gefragt. Aber Enver Hoxha, der nette stalinistische Diktator von neben an, fühlte sich bedroht, besonders von Griechenland. Und so sicherte er sein Land gegen den kapitalistischen Erzfeind. Große Bunker, U-Boot-Bunker und eben ganz viele kleine Bunker. Und sicher sind sie. Als der Prototyp des Pilzbunkers in den 50’er Jahren vorgestellt wurde, fragte Hoxha den Konstrukteur, ob der Bunker auch einer Panzergranate wiederstehen könne. Sicher könne er das. Und was ist besser als Vertrauen? Genau. Kontrolle! So musste sich er sich in seinen Prototyp stellen und vom Panzer beschießen lassen. Und er hat es unbeschadet überstanden, allerdings ist nicht überliefert, wie lange das Klingeln in den Ohren anhielt. Somit lief die Betonindustrie die kommenden Jahre auf Hochtouren und das Land wurde mit diesen Pilzen überzogen. Sobald wir einen schönen Aussichtspunkt erreicht haben, suchen wir erst nach dem Bunker und werden jedes Mal fündig.
Als wir in Qafe Boti aus dem Land ausreisen, klappen wir unsere kleine Straßenkarte zusammen. Wir hatten sie tatsächlich an der ersten Tankstelle nach der Grenze bekommen. Es gab sogar Auswahl: die Michelin Straßenkarte mit allen Details für 11 Euro oder die wie vom Tourismusverband selbst gemalt aussehende Karte für 1,50 Euro. Natürlich haben wir uns für die selbst gemalte entschieden. Einmal hätten wir tatsächlich mehr Details benötigt. Wir fahren eine Seitenstraße und kommen nicht weiter. Wo ist die Brücke, von der die Jungs am Wegrand eben sprachen? Aber ob eine bessere Karte wirklich geholfen hätte? Die Leute am Wegrand nicken uns zu und geben Handzeichen. Wo sollen wir auch schon hinwollen? Wir geben das Experiment Seitenstraßen schnell auf. Die Wege sind gepflastert von Schlaglöchern, die sich bei Regen in kleine Seen verwandeln, von denen aber niemand weiß, wie tief sie sind. Wir bevorzugen Hauptstraßen und Autobahnen. Ja, Autobahnen sind hier auch für Radfahrer befahrbar, zwar nicht offiziell aber geduldet. Es wird davon reger Gebrauch gemacht auch mal gegen die Fahrtrichtung. Und die Albaner scheinen ihren Führerschein nicht im Lotto gewonnen zu haben, denn es sind recht gute Autofahrer. Besonders LKW, vor denen wir in Deutschland noch Angst hatten, fahren langsam und mit großem Abstand an uns vorbei, allerdings nicht ohne gehupt zu haben. Als wir in Griechenland ankommen und lesen, dass es in den Bergen bei Berat während eines Gewitters 30 Tote gab, weil ein Bus von der Straße abkam, wundert uns das nicht. Als wir dann auch noch erfahren, dass es ein griechischer Busfahrer ist, wundert uns gar nichts mehr. Er soll telefoniert haben. Die Kommentare in den griechischen Online-Medien sind vernichtend. Handy? Wahrscheinlich zwischen Ohr und Schulter geklemmt, Kaffee in der einen Hand, Zigarette in der anderen. Wir finden den Kommentar recht zynisch. Bis wir am eigenen Leib erfahren, dass Griechenlands Busfahrer wahrhaftig so fahren. Wir wünschen uns wieder auf die albanischen Autobahnen zurück. Man soll ein Land nicht vor dem Nächsten verfluchen.
Ulrike, 19.12.2010, Kas / Türkei