Grenzerfahrung ...
Bikes on World Tour

Nepal (11/2003)

  • 26,5 Mio Einwohner = 165 Einwohner je qkm
  • 140.800 qkm = halb so gross wie Deutschland
  • 250 USD Bruttoinlandsprodukt pro Kopf (2002)
  • 42 % unter der Armutsgrenze
  • 47 % Arbeitslosenquote
  • ca 13.200 km Strassennetz davon 9.150 km unbefestigt

(Quelle: CIA Factbook 2002, Spiegel)

 

Gebetsmuehlen im Monkeytempel in KTM

Unsere Tour

  • 930 km gefahren
  • 25 Tage Aufenthalt
  • 0,70 Euro / Liter Benzin
  • 84 Nep. Rupees / Euro
  • Budget incl. Benzin: 26 Euro / Person Tag

Strecke: Sunauli - Pokhara - Sonamarg - Kathmandu - Kodari - Kathmandu 

 

Der Pommes-Himmel

“Der Fahrzeugführer darf nur so schnell fahren, dass er sein Fahrzeug ständig beherrscht. (StVO, § 3.1)

Wir sind uns sicher, dass in Nepal die Hälfte der Verkehrsteilnehmer sofort aufhören müssten, am Verkehr teilzunehmen, wenn die deutsche Strassenverkehrsordnung zur Anwendung käme. Aber immerhin nur die Hälfte. Indien würde schlagartig in das Fussgängerzeitalter zurückfallen.

Nach Indien ist Nepal für uns eine Wohltat: die Menschen viel freundlicher, die Gegend sauberer. Pokhara, die zweitgrößte Stadt Nepals, hat sich vollständig auf die Trekkingtouristen eingestellt. Es gibt alles, was das Wanderherz begehrt: Bier, Steaks, Pfannkuchen, Kaffee. Jeden Abend gehen wir schlemmen und hören Musik. Endlich wieder westlichen Beat. So ganz konnten wir uns an das indische Gezirpe nicht gewöhnen.

Pokhara und Kathmandu erscheinen uns wie das Paradies. Aber es ist, wie es meistens ist. Der Schein trügt. Nepal bewegt sich zur Zeit mehr auf die Hölle zu. Arm war das Land schon immer, seine Regierung korrupt. Da ist es nicht verwunderlich, dass die Maoisten 1996 bei der Dorfbevölkerung offene Türen eintreten, als sie sich den Kampf gegen Drogen, Alkohol und Korruption auf ihre roten Fahnen schreiben. Brutal geht es zu und sowohl das Militär, wie auch die Rebellen können nicht gerade als Pazifisten bezeichnet werden. Gefangene werden nicht gemacht. So sind in 8 Jahren insgesamt ca. 9000 Menschen getötet worden. Die Maoisten sind nicht zimperlich in der Wahl der Mittel, um Anhänger zu rekrutieren. Schulklassen werden entführt, damit sie an kommunistischen Weiterbildungsveranstaltungen teilnehmen. Ehemalige Offiziere werden erschossen, falls sie nicht bereit sind, die Maoisten auszubilden. Familienmitglieder werden umgebracht, wenn der Mann/Sohn nicht aus der Armee austritt. Sie haben die Roten Khmer und Pol Pot als Vorbild. Als wir hören, dass sie Strom- und Wasserleitungen in den entlegenen Dörfern zerstören, da diese symbolisch für die Ordnung des Staates stehen, steht uns der Geist vor Ehrfurcht still. Das Leben ist dort schon hart genug, wie kann man im Namen des Volkes diese „kleinen“ Erleichterungen auch noch zerstören?

Wir bekommen davon nur sehr wenig mit. Ab und zu lesen wir von Kämpfen zwischen Regierung und Maoisten in der Zeitung. Ach ja, un dann sind da noch die Wanderer, die uns stolz ihre Geschichte erzählen. Die Maoisten halten auf den beliebtesten Trekkingrouten die Wanderer an und verlangen eine „Wandergebühr“. Der Staat würde ja schließlich auch was bekommen. Es wird schon mal nach 100 US-Dollar pro Person gefragt. Aber Feilschen ist alles und so lassen sie sich meistens auf 6-7 Euro runter handlen. Und dann gibt es auch noch eine Bescheinigung. Macht sich doch toll im Wandertagebuch, so eine Wegzoll-Quittung, finden viele. Es scheint, wer ohne zurückkommt, hat nichts Richtiges erlebt.

Wir wandern nicht, belagert werden wir aber trotzdem. Oft werden wir von Kindern angebettelt, die Stifte, Geld, Schokolade oder Bonbons wollen. Was sicherlich mal als nette Geste oder sogar Hilfe der Touristen gedacht war, hat sich heute ins Gegenteil verkehrt. Kinder betteln jeden zu jeder Gelegenheit an, vielleicht wirft es ja was ab. Wir können und wollen gar nicht jedesmal was geben. Also halten wir auch einfach unsere Hand auf und fragen die Kinder: Money, Sweets??? Und Kai hat tatsächlich Erfolg. Er steht vor einem kleinen Mädchen, dass noch das kleinere Brüderchen an der Hand hat. Sie fängt an, die Hand auszustrecken. Kai streckt seine aus. Eine kleine Diskussion bricht aus, Kai zeigt auf die Pommes, die der kleine Junge in der Hand hält. Und? Tatsächlich, das Mädchen nimmt dem Kleinen eine ziemlich verdreckte Pommes ab und schenkt sie Kai. Schwupps, ist sie verspeist. Wir revanchieren uns mit Mandarinen, die wir großzügig verteilen. Gemeinsam stehen wir auf der Strasse und genießen die frischen Früchte. Das Mädchen läuft ins Haus und kommt zurück mit ...? Ja, zwei weiteren Pommes, eine für Kai und eine für mich. Noch nie haben Pommes sooooo gut geschmeckt.

((Ulrike Teutriene, Luang Prabang /  / Laos, 10.02.2004