Grenzerfahrung ...
Bikes on World Tour
auf den höchsten Pässen der Welt
Kai auf der Moore Ebene auf 4700 m

Manali - Leh, vier Tage geschüttelt und gerührt

Seit Tagen regnet es in McLeod Ganj, dem kleinen buddhistischen Touristennest am Fuße des Himalaya, Sitz des Dalai Lama im Exil. Wir liegen in unserer kleinen Furzfalle im Guesthouse des Tse Chok Ling Klosters und planen unseren Trip nach Leh im äußersten Nordwesten Indiens. Hier liegt Ladakh, das alte Königreich mitten im Himalaya.

Um dorthin zu kommen, müssen wir von Manali fast 500 km durch Steinwüsten und über 5000 Meter hohe Pässe fahren. Nach einer Übernachtung in Naggar Castle im tropisch grünen Kullutal starten wir von Manali. 15 Liter Benzin müssen extra mit, schnell noch einige Rupien von der Bank geholt und ein paar Essensvorräte gebunkert.

Das Asphaltband schlängelt sich durch Pinienwald zum Rohtang Pass hinauf. Die Straße klebt an dem Fels. Immer wieder fällt der Blick zurück ins Tal. Wolken ziehen von Manali herauf und vernebeln die Sicht. Auf der Passhöhe (3975 m) machen wir nur kurz Halt, zu ungemütlich ist es hier oben im Nebel. Dann geht es hinab in das Chandra Tal. Nach gut 100 km erreichen wir Tandi, dem letzten Tankstopp vor Leh. Wir übernachten in Keylong (3350 m), dem letzten nennenswerten Dorf auf unserem Weg mit Hotels, Restaurants und Satelitenfernsehen.

An unserem zweiten Tag regnet es und es sieht nicht so aus, als wenn dieser Regen schnell vorüber ziehen würde. Wir legen unser Regenzeug an und holen die warmen, (fast) wasserdichten Handschuhe aus dem Koffer, die dort schon seit Wochen auf ihren Einsatz warten. Die F650 zeigt erste Symptome von Atemnot: das Benzin-Luftgemisch ist zu fett eingestellt. Für die Ebene ist die Vergasereinstellung o.k., obwohl auch hier schon der Verbrauch im Verlauf unserer Reise um 15 % gestiegen ist.

Hier oben auf über 3000 m stehen wir nun im Regen und versuchen, durch Drehen einiger Schrauben am Vergaser das Problem zu lösen. Erst das Reinigen der pech-schwarzen Zündkerzen bringt etwas Besserung, auch stimmungsmäßig.

Durch den stundenlangen Regen haben sich große Staubfelder in Schlammlöcher verwandelt. Dank der Enduroreifen und dem steinigen Untergrund meistern wir diese Stellen gut. Die bis zu einem halben Meter tiefen Flussdurchfahrten lassen uns im wahrsten Sinne des Wortes kalt.

In Darcha, einer kleinen Ansiedlung einfacher Zelt-Restaurants, treffen wir Evelyn und Hans aus unserer Heimatstadt Hilden, die ihren 21-tägigen Trek gerade beendet haben. Ich kann bei Ulrike punkten, als ich mit einem Paar trockener Wollsocken aus einheimischer Produktion ankomme.

Wir nähern uns dem Baralacha La (4897 m). Bedrohlich tief hängen die Wolken und Graupelschauer lassen die Fahrt so richtig ungemütlich werden. Das kalte Wetter erinnert uns daran, dass die Pässe hier nur noch bis Ende Oktober geöffnet sind. Aber es kann auch vorkommen, dass schon Mitte September nichts mehr geht. Zuviel Schnee und eisige Temperaturen machen diese Straßen nur von Juni bis September problemlos passierbar.

Wir übernachten in der Hochebene von Sarchu (4500 m). Hier können wir endlich die ersten Sonnenstrahlen genießen. Auf halber Strecke zwischen Manali und Leh gelegen, haben sich hier etliche Zeltdörfer etabliert. Für 300 Rupien (ca. 6,00 Euro) pro Person, lassen wir unsere Campingausrüstung eingepackt und genießen die Halbpension. Immer mal wieder in Atemnot, spüren wir, dass wir bei weitem noch nicht ausreichend akklimatisiert sind. In dieser Höhe wird es nachts sehr kalt und der Wind pfeift durch die Zeltritzen. Hätten wir doch unser kleines Zelt nicht verschmäht.

So nehmen wir morgens schnell unser Frühstück ein, reinigen den Kühler der F650 vom aufgesammelten Dreck des Vortages und geben Gas auf der schnurgeraden Straße. Doch über 60 km/h kommen wir kaum, da die Straße sehr wellig ist (Video 2.2 MB).  Uns wundert das nicht, als wir sehen, dass die Straße praktisch in Handarbeit entsteht: Heerscharen von Arbeitern klopfen und verlegen Steine, kochen Asphalt und teeren mit Harken das 10 cm dicke schwarze Band. Immer wieder sehen wir auch kleine Trupps, die die Schlaglöcher reparieren, ebenso in völliger Handarbeit und Hingabe.

Wir genießen unsere langsame Reisegeschwindigkeit, wer will schon so rasen wie die Jeeps und Busse, wenn sich doch immer wieder ein neuer, atemberaubender Blick auf diese karge Bergwelt Ladakhs eröffnet. Wir halten oft an, um Fotos zu machen oder einfach nur um den Ausblick zu genießen. Wir können unser Glück schlichtweg kaum fassen.

Wir erreichen ein Teilstück mit 21 Spitzkehren, ein Geschenk für jeden Motorradfahrer. Die F650 nimmt jedoch kein Gas mehr an - das alte Problem holt uns wieder ein. Wir packen alles ab und erst das Reinigen der total verrussten Zündkerzen sowie des Luftfilters bringen etwas Linderung. Während wir so unter den Motorrädern liegen, passiert eine Kolonne Militär-Lkws und nebelt uns mit ihren Dieselabgasen ein; Pseudo-Krupp läßt grüßen. Schließlich geht es mit Anschieben (Ricky, du faules Stück) und erstem und zweiten Gang den Lachalung La (5065 m) hoch. Über 3000 Umdrehungen geht nichts mehr bei dem Einzylinder. Ich fahre ganz entspannt, läuft doch die R 1100 GS immer noch einwandfrei. Hier oben steht uns zwar nur noch die halbe Motorleistung zur Verfügung, aber schließlich schafft es auch eine indische Royal Enfield mit 18 PS hier hoch.

Vor mir sehe ich einen Mountainbiker, den ich bergab auf der schlechten Straße kaum einholen kann. Mark versucht mit sechs Mahlzeiten am Tag 6000 Kalorien aufzunehmen, kann aber doch sein Gewicht nicht halten. Lucky Boy.

Wir kampieren diese Nacht bei den Nomaden in der Moore-Ebene auf 4700 m. Wenn sie neben uns stehen, wird uns klar, dass das wenige Wasser hier nur zum Trinken verwendet wird. LKW-Fahrer halten oft an, um die am Straßenrand sitzenden Nomaden mit Wasser zu versorgen. Die Nomaden sammeln sich hier, um die Schaf-, Ziegen- und Yakherden ins Tal zu treiben.

Den letzten und zweithoechsten Pass der Welt, der Taglang La mit 5328 m, schaffen wir beide nur noch mit Mühe. Selbst bei der R 1100 GS mit elektronischer Einspritzung fällt bei 5200 m die Leistung schlagartig in den Keller.

Vor uns öffnet sich die Bergwelt Ladakhs, das Dach der Welt, das von vielen auch Klein-Tibet genannt wird. Bei Upshi erreichen wir das Industal, nur noch 50 km und unser 4-tägiges Abenteuer endet in Leh.

(Kai Grimmel, McLeod Ganj / Indien, 04.10.2003)

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