Der Reisfeldritt nach Khong Lor
Von Khong Lor haben wir schon in Pakse gehoert. Ein junger franzoesischer Fotograf, der auf einer Honda Baja Laos unsicher macht, schwaermte uns von dem Dorf und der nahegelegenen Hoehle vor. Da wir uns immer gern abseits der ueblichen Reiserouten bewegen, stand Khong Lor ganz schnell auf unserer "Zubesuchen-Liste". Das Dorf liegt im flachen Nam Hinboun Tal, das von senkrechten Kalksteinfelsen umgeben ist. Landschaftlich einfach genial, wie wir von einem Aussichtspunkt oberhalb des Highway 8 aus sehen koennen. Und dort wollen wir mit dem Motorrad hin.
Vom Highway 8 biegen wir Richtung Sueden an einem Hinweisschild Richtung Khong Lor Hoehle ab. Das Schild laesst uns erst ein wenig stutzen, denn erstens gibt es nur sehr wenig Beschilderung in Laos und zweitens weisst das nicht gerade auf "unendecktes" Gebiet hin. Nun ja, nun sind wir hier, also fahren wir los.
Die ersten Kilometer gehen ueber gute Erdpiste. Kein Problem fuer uns. An einer Weggabelung (wieder mit Hinweisschild) entscheiden wir uns fuer die Off-Road-Strecke, wir wollen ja schliesslich ein wenig Abenteuer. Jetzt wird der Weg wirklich wild. Die Spurrillen zeigen uns deutlich, dass hier waehrend der Regenzeit nur grosse Autos mit maechtigen Reifen eine Chance haben. Und dann sehen wir die trockenen Flussdurchfahrten. Auch hier haben maechtige Autorreifen tiefe Spuren gezogen. Aber langsam im ersten Gang und mit einer grossen Portion Gelassenheit meistern wir auch diese Herausforderung.
Weite Strecken geht es ueber ausgetrocknete Reisfelder. Wie immer sind wir erst ganz ganz vorsichtig. Aber nach kurzer Zeit ist klar. Entweder fahren wir so langsam, dass wir fast umkippen oder wir brezeln so schnell ueber die Felder, dass wir nicht mehr jedes Loch spueren. Wir entscheiden uns fuer die zweite Moeglichkeit. Schliesslich sind wir ja nun mit echten Reiseenduros unterwegs. Kai faehrt vor. Nach kurzer Zeit ist er in einer grossen Staubwolke verschwunden. So, nun ich. Ich fahre los, beschleunige, erster Gang, zweiter Gang, dritter Gang, hoch das muede Gesaess und im Stehen die Reisstoppeln abgeritten. Einmal schaffe ich es sogar, mit beiden Reifen gleichzeitig in der Luft zu sein. Das ist mal wieder eine echte Probe fuer unsere Ausruestung. Bisher dachte ich immer, dass ich meine Tasche auf der Sitzbank ganz gut befestigt hatte. Aber nach kurzer Zeit spuere ich leichte Bewegungen hinter mir. Die Tasche protestiert und will runter vom Moped. Kann ich nachvollziehen, denn das Geruettel ist schrecklich, aber durchlassen kann ich das auf keinen Fall. Also Anhalten und Gurte nachspannen. Unter einem grossen Baum wartet Kai auf mich. Bei der Hitze koennen wir es nur im Schatten aushalten. Wir machen eine kurze Pause, um zu schauen, wo wir denn eigentlich hinmuessen. Karte und Kompass werden bemueht. So ganz sicher sind wir aber nicht. Und da wir 20 Meter vor dem Baum schon wieder ein Hinweisschild gesehen haben und zwar nach Sala Hinboun, sind wir so neugierig, dass wir uns entschliessen, dem mal genauer nachzugehen. Nach kurzer Fahrt koennen wir es fast nicht glauben. Wir stehen vor der "Luxusherberge" Auberge Sala Hinboun. Landschaftlich wunderschoen am Fluss gelegen, werden fuer die sehr nett gemachten Zimmer mit heisser Dusche 20 USD die Nacht verlangt. Nun ja, wir ueberlegen uns das Ganze und entschliessen uns, erst einmal zum Dorf Khong Lor zu fahren, um zu sehen, wie wir denn am naechsten Morgen zur Hoehle kommen.
Noch einmal 8 Kilometer im gestreckten Schweinsgalopp (oder heisst es bei einer BMW Gummikuhgalopp?) und wir erreichen das Dorf. Die ersten Kinder kommen uns sofort entgegengelaufen. Ein paar Erwachsene tauchen auf, sie sprechen sogar ein wenig englisch. Ob es hier eine Uebernachtungsmoeglichkeit fuer uns gibt? Zu unserem Erstaunen werden wir in eines der Haeuser gefuehrt, das hier wie alle auf Stelzen steht. Es kann uns ein Zimmer mit neuen Matrazen und Moskitonetz angeboten werden. Inklusive Vollpension soll die Uebernachtung fuer uns zusammen 10 Dollar kosten. Dass erscheint uns fuer die wenig luxerioese Ausstattung und Toilette ueber den Hof, doch ein wenig teuer und angesichts der Tatsache, dass wir voellig verschwitzt sind, und nur so nach einer Dusche duersten, fahren wir zurueck zur Auberge. Das erste Bier schmeckt koestlich. Leider ist abends das Essen dermassen schlecht, dass wir uns wuenschen, doch bei den Leuten im Dorf geblieben zu sein. Denn dort war der Tisch zumindest mit allerlei Gruenzeug gedeckt.
Am naechsten Morgen packen wir auf, um zum Dorf zu fahren. Die Tasche wird extra fest gezurrt. Diesmal soll sie nicht nur die 8 Kilometer bis Ban Khong Lor halten.
Wir fahren recht entspannt zum Dorf, diesmal kennen wir die Strecke ja schon. Dort gibt es ein grosses Hinweisschild (Das Tal der Schilder scheints). Uebernachtung pro Person fuer 50.000 Kip (5 USD) inklusive Abendessen und Fruehstueck. Das Geld kommt dem ganzen Dorf zugute. Feilschen nicht moeglich. Ausserdem 70.000 Kip fuer eine Bootsfahrt durch die Hoehle. Auch hier nichts mit Runterhandeln, schliesslich ist es fuer die Dorfgemeinschaft. Wir sitzen auf unseren Motorraedern, von Kindern und Frauen bestaunt und warten darauf, dass der Ticketverkaeufer fuer die Bootstour kommt. Und da taucht er auch schon auf. Dass unsere Motorraeder nicht einfach so auf einem Feld vor dem Dorf stehen bleiben koennen, ist ihm sofort klar. Er geht vor und zeigt uns einen Parkplatz zwischen den Stelzen seines Hauses. Umgeben von Kindern geht es zur Bootsanlegestelle. Dies ist eigentlich nur eine flache Stelle am Ufer und so grabbeln wir in das kleine Langboot. Der Kapitaen wirft den Motor an und so knattern wir los Richtung Hoehle. Da der Wasserstand sehr niedrig ist, hockt der erste Offizier vorne auf dem Bug und haelt nach Untiefen Ausschau. Wenn es zu flach wird, muessen Kai und ich aussteigen und das Boot wird geschoben. Am Flussufer sind Gaerten mit grossen Bambuszaeunen abgeteilt, in denen Gemuese und Kraeuter gezuechtet werden. Frauen waschen Waesche im Fluss und Kinder vergnuegen sich beim Fischfang. Es gibt viel zu bestaunen.
Das eigentliche Ziel unserer Reise ist bald erreicht. Wir kommen zum Hoehleneingang. Eine kleine Stromschnelle muss ueberwunden werden, das heisst fuer uns, dass wir wieder aussteigen und zu der Stelle, an der wir wieder das Boot entern koennen, klettern muessen. Die Hoehle ist, wir hatten nichts anderes erwartet, stockdunkel. Die Stirnlampen unserer Bootscrew erleuchten das Ganze nur wenig, denn die Hoehle ist mit einer Breite von ca. 100 Metern nicht gerade klein. Immer wieder muessen wir aus dem Boot und durch das kuehle Wasser waten, da zur Trockenzeit einfach nicht genug Wasser da ist. Zwischendurch halten wir an, um die glitzernden Stalagtiten und Stalagmiten zu bewundern. Nach fast einer Stunde erreichen wir das Ende der 8 Kilometer langen Hoehle . Es ist ein toller Anblick, wie wir um eine Biegung kommen und in der Ferne ein helles Licht sehen. Der Fluss fuehrt weiter zu einem kleinen Picknickplatz. Wir machen kurz Halt und versuchen freundliche Konversation mit den Leuten zu machen, die sofort aus dem naechsten Dorf neugierig ankommen. Der Weg durch die Hoehle wurde von Auslaendern erst vor kurzer Zeit entdeckt, fuer die Einheimischen war es schon immer die einzige Verbindung zur Aussenwelt. Da Englisch hier nicht weit verbreitet ist, gestaltet es sich schwierig, das mit der freundlichen Konversation. Ein paar nette Gesten und zurueck geht es ins Boot und wieder flussabwaerts Richtung Ban Khong Lor. Zurueck geht es wesentlich schneller.
Als wir uns am Motorrad fuer die Fahrt vorbereiten, stehen die Kinder so eng um uns herum, dass wir fast Angst bekommen, eines aus Versehen mit in unsere Koffer zu packen. Ich hole unsere Digitalkamera raus und ploetzlich sind alle ganz aufmerksam. Die Chance muss ich nutzen. Ich halte die Kamera auf Huefthoehe und mache ein Foto in die Kindermenge. Schnell schalte ich vom Fotografiermodus in den Anschaumodus um und zeige den Kindern das Bild. Was fuer ein Gestaune und Gekicher. Das Ganze noch mal, fotografieren und sofort zeigen. Die kleinen ruecken immer naeher. Es macht Spass und ich habe wirklich Muehe, dieses Photoshooting zu beenden.
Aber bevor ich am Motorrad ankomme, verlaufe ich mich fast in dem 160-Haeuser-Dorf. Es gibt nicht so etwas wie Strassen oder Wege. Mir scheint alles willkuerlich zusammengewuerfelt zu sein. Aber es gibt Rettung in meiner Not. Von Weitem hoere ich eine Kinderstimme: "Hello, Falang, hello." Falang ist der laotische Name fuer westliche Auslaender. Ich schaue, wo die Stimme herkommt und sehe ein kleines Maedchen froehlich winken. Die Mutter winkt und weist mir den Weg. Jaja, die Falangs, immer auf der Suche nach etwas, irgendwie scheinen sie doch verloren, in der grossen weiten Welt.
((Ulrike Teutriene, Chiang Mai / Thailand, 03.03.2004)