Immer Ärger mit den Hühnern
So, nun sind wir 10 Wochen unterwegs. Sagen jedenfalls meine Menschen. Ich rechne ja weniger in Wochen, mehr so in guten Tagen und schlechten Tagen. Und bisher hatte ich recht viele gute. Wenn es regnet, sitzen Clara und ich trocken im Anhänger. Die Großen sind dann oft etwas gestresst und ziehen sich dick an. Ich hab‘s da mit meinem dicken Fell besser. Aber da sagt doch der Johann aus Österreich zu mir: „Ei, bischt Du borschtig!“ Der hat doch keine Ahnung, borstig!? Tzä. Jeder Outdoor-Ausrüster ist neidisch auf meine Felleigenschaften: wasserdicht, atmungsaktiv, schmutzabweisend, strapazierfähig und dabei erstaunlich leicht, gute Formbeständigkeit, knittert nicht und es ist ein nachwachsender Rohstoff. Außerdem hat es UV-Schutz. Naja, so oder ähnlich würde mein Fell wohl bei einem der vielen Anbieter von funktioneller Outdoor-Bekleidung beschrieben. Und einmal geschüttelt und der ganze Dreck ist raus. Nur nicht, wenn ich mich ordentlich auf dem Boden wälze und mit dem Hals durch die Sandkiste fahre, ja dann bleibt der Dreck schon mal länger haften. Drei Tage habe ich noch rot geschimmert, nachdem ich mich in Istrien über den Campingplatz geschubbelt habe. Ich hatte verdammtes Glück, dass ich im Zelt schlafen durfte, sagt Ulrike.
Ach ja Zelt, das ist auch so eine tolle Sache. Wir haben ein Rudel-Zelt. O.k., ich habe zwar in einer schlauen Tiersendung gelernt, dass das nicht Rudel, sondern sozial-gemischte Gruppe heißt. Aber wie hört sich das denn an? In unserem sozial-gemischten Gruppen-Zelt. So ein Quatsch. Wir sind ein Rudel und zwar ein ziemlich cooles. Kai ist der Chef und bestimmt die Richtung. Aber ich übernehme die wirklich wichtigen Aufgaben, wie zum Beispiel Reviermarkierung. Da habe ich bei meinen Menschen ja jede Hoffnung aufgegeben. Die pinkeln immer hinter den Baum. Was ist das denn? Markiert wird vor dem Baum, damit das auch jeder riecht.
Rudelputzen habe ich mir abgewöhnen müssen. Das mögen meine Großen nicht so gerne. Früher habe ich immer alle morgens im Zelt ganz sauber geleckt. Ohren, Augen, Füße. Eben große Wäsche. Manchmal erwische ich morgens noch Ulrikes Füße. Die werden dann gründlich saubergeleckt. Ich glaube, dass mag sie. Sie giggelt jedenfalls recht laut dabei. Clara putze ich gern, nachdem wir schwimmen waren. Die lässt das wenigstens ruhig über sich ergehen und bleibt selig dabei liegen, meine Kleine.
Bei so einer Reise lernt Mensch wie Hund ja auch eine Menge. Kai musste z.B. lernen, dass es in Slowenien 100 Euro Strafe kostet, wenn er mich ohne Leine laufen lässt. Und das ist der günstige „Sofort-Zahler“-Preis. Sonst kostet es 200 Euro.
Nun ja, nur weil ich nicht an der Leine war, gab es nicht gleich Stress. Ich glaube, es lag mehr an dem Huhn. Hühner, da fahr ich ja voll drauf ab. Wenn die so gackern und flattern, kann ich mich einfach nicht zügeln. Wer von euch Terrier-Blut in den Adern hat, weiß wovon ich spreche.
Also ich laufe so ganz entspannt hinter dem Fahrrad her, kommt da doch so ein verrücktes Hund von hinten angeflattert. Das will bestimmt spielen, dachte ich mir. Und so habe ich es mir geschnappt und ein wenig auf dem Flügel rumgekaut. Nur ein bisschen, so dass es fröhlich weiterflattert, wir wollen ja schließlich beide unseren Spass haben. Und während ich mich so ganz auf das Huhn konzentriere, höre ich aus der Ferne die schrille Stimme von Ulrike: “LEO, AUS!“ Wahrscheinlich hat sie sogar drei Ausrufezeichen geschrien.
Also lass ich nach, das Huhn flattert noch ein wenig und plötzlich kommt der Chef vom Huhn, nimmt es mir weg und tritt mich. Ich bin ganz geschockt, frag mich, was der dumme Sack von mir will. Deswegen bekomme ich auch nicht genau mit, was dann passiert. Wie Kai der Polizei später erzählt, hat er sich mit dem Huhnbesitzer gerangelt. Der hat getreten und um sich geschlagen und ein Riesentheater gemacht, wegen eines Huhns. Und da hat Kai ihm eins auf die Zwölf gegeben. Schlussendlich muss Kai 260 Euro zahlen. 100 eben, weil ich nicht an der Leine war und 160 für die Schlägerei. Die 160 Euro musste auch der Huhnbesitzer bezahlen, erzählt Kai später. Gerechtigkeit nennt er das, aber das Wort kenne ich nicht. Für mich zählt nur der Jagderfolg.
Die Polizei ist total nett und bringt uns noch zum nächsten Geldautomaten. Das nenne ich Serviceorientierung. Dass wir allerdings so viel Geld bezahlt haben und ich nicht mal das Huhn behalten durfte, habe ich bis heute nicht verstanden. Schliesslich war es ja noch recht lebendig, als wir weiter gezogen sind.
Leo, dokumentiert von Ulrike, 15.10.2010, Dubrovnik/Kroatien