Grenzerfahrung ...
Bikes on World Tour

 

 

 

Abgesoffen

Letztes Jahr, letztes Wochenende im August: Sonne, Motorräder, gute Musik, interessante Vorträge, tolle Campingwiese, interessantes Selfmade-Dick‘Si-Klo und wir sind dabei. Das Globetrottertreffen in Scharzach auf der österreichischen Seite des Bodensees ist Kult. Das wollen wir auch dieses Jahr nicht verpassen, selbst ohne Motorräder. Also legen wir auf unserer Reise in den Osten noch einen Abstecher Richtung Westen ein. Schnell noch mal quer durch das Allgäu geradelt und dabei einen guten Vorgeschmack auf die Berge bekommen.

Wir sind früh dran, eine Woche ungefähr, und so helfen wir bei Sonne und leichtem Wind Christoph (alias Dick), Bernhardt und Alex beim Aufbau. Da Regen fürs Wochenende angesagt ist, wird alles möglichst wasserfest gemacht. Die Theke wird überdacht, die einfachen Wege mit Holzpaletten ausgelegt und das Feuerholz mit Pavillons geschützt. Wir finden das etwas übertrieben, denn die Sonne scheint, als ob sie nie aufhören will. Und so einem echten Globetrotter sollte ein wenig Regen auch nichts aus machen.

In der Nacht werden wir wach. Regentropfen klopfen ans Zeltdach. Dann prasseln sie und verbünden sich später mit dem Wind und rütteln heftig. Egal wie, es regnet die ganze Nacht. Als wir am nächsten Tag auf die Festwiese kommen, können wir es kaum glauben. Alles steht unter Wasser und die Holzpaletten schwimmen auf. So war das nicht gedacht. Doch Leo ist begeistert und sucht im Wasser nach vorbei schwimmenden Mäusen. Clara lässt sich gleich oben auf einer Sofaecke nieder, um nur nicht dreckige Füße zu bekommen. Das alte Sofa wurde übrigens vom Bauern Harry gespendet, dem die Wiese gehört.

Und Kai und ich? Wir legen Paletten nach und versuchen wenigstens etwas sauber zu bleiben - mit mäßigem Erfolg. Romantisch wird es, als kurz vor Sonnenuntergang die gleiche noch einmal durch die Wolken lugt. Der Wiederschein lässt die Herzen sich öffnen und den Schlamm gülden aussehen.

Am Samstag um 11.00 Uhr gibt es den ersten Vortrag von Florian Hafner in der Maschinenhalle des Bauern. Trocken ist es, aber laut. So laut, dass der Vortrag unterbrochen werden muss, weil der sinnflutartige Regen gegen das Dach hämmert. Florian hatte sich vorgenommen, in Südamerika den jeweils höchsten Berg eines Landes zu besteigen. Gar nicht so einfach, wie er uns erklärt. Denn wenn es sich nicht gerade um einen bekannten Berg über 6000 Metern handelt, wissen die Einheimischen oft selbst nicht einmal, wo genau der Berg liegt und welcher der höchste ist. Besonders spannend wird es, wenn der Weg zum Gipfel wie in Nicaragua, noch nach dem letzten Bürgerkrieg vermint ist und sich Florian und sein Guide mit Macheten durch den Urwald kämpfen müssen.

Gregor Sieböck mit seinem Vortrag „Fußreise von Ischgl nach Tokio“ hat uns schwer beeindruckt. Nach dem Studium war er voller Frust, dass die Politiker beim Klimagipfel in Japan wieder nichts Handfestes beschlossen haben. So hat er den Entschluss gefasst, zu Fuß zu gehen und zwar nach Tokio, allerdings mit ein paar Umwegen. Und so ist er drei Jahre lang marschiert. Unter anderem auch in Südamerika den Inkatrail. Seit ca. 30 Jahren war er der Erste dort zu Fuß. Und da Gehen einem noch mehr Zeit zum Nachdenken lässt als uns Radfahrern und der Rucksack einen noch mehr zwingt, nur das Wesentliche mitzunehmen, wurde dieser Vortrag leicht philosophisch, wenn auch auf sehr witzige Art und Weise und hat die meisten von uns nachdenklich hinterlassen. Christoph entschließt sich spontan, zwei seiner vier Motorräder zu verkaufen. Wir haben immerhin fast 10 Kilo Material aussortiert und nach Hause geschickt.

Den Bands für den Abend wird abgesagt, es kommt niemand mehr mit einem normalen Fahrzeug auf den Platz. Für uns ist es der erste richtige Test für unsere Goretex-Schuhe. Der Schlamm steht bis zu den Knöcheln, aber der Fuß bleibt trocken.

Sonntag schauen wir dabei zu, wie die paar Campingbullis vom Bauern mit seinem Megatrecker vom Platz gezogen werden. Und dann ab Mittag, wir wollen es fast nicht glauben, brennt uns die Sonne beim Abbau auf den Pelz. Aber die durchweichte Wiese stört das gar nicht, sie lässt den Schlamm und das Wasser nicht so schnell abtrocknen. So regt das 2010er Globetrotter-Treffen in Schwarzach auch aufgrund des schlechten Wetters dazu an, sich in Sieböck ’scher Manier einmal zu fragen, was das Wesentliche bei solch einem Treffen ist und ob es nicht auch eine Nummer kleiner geht.

Ulrike, 18.09.2010, Monfalcone/Italien