Grenzerfahrung ...
Bikes on World Tour

Seit April 2012 sind wir wieder auf der Strasse. Oder besser gesagt auf dem Radweg. Denn wir wollen Deutschland abradeln: Immer an der Grenze entlang. Diese Grenzerfahrung wird bestimmt nicht so exotisch werden, wie unsere anderen Reisen. Wir werden sicherlich auch wieder einiges zu berichten haben. Aber diesmal wollen wir uns zurückhalten. Über Facebook werdet ihr unseren "Status" verfolgen können. Hier geht es direkt zu unserer Facebook-Seite     

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Für die Facebook-Verweigerer, stellen wir hier unsere Statusmeldungen unten "blog-ähnlich ein". Es soll sich ja niemand langweilen...
  


 

15.07.2012 - Ostsee-Radweg

Flensburg überrascht uns. Wie aus dem Nichts ist es hügelig. Wir müssen tatsächlich seit langer Zeit mal wieder einen Gang herunter schalten. Und können dabei dann auch die dänisch-sprachige Lidl-Reklame bewundern. Es lohnt sich für die Dänen in Deutschland einzukaufen, und nicht nur Alkohol.

Hier sehen wir auch die erste Ökostrom-Tankstelle und eine Fahrradpumpstation am Straßenrand. Bisher haben wir mit Flensburg immer nur die Verkehrssünderdatei verbunden und sind nun ganz verwundert, wie „grün“ die Stadt ist.

Grün bleibt es dann auch auf dem Weg Richtung Süden. Wald, endlich wieder Wald. Erst jetzt, nachdem wir wieder mehrere Bäume auf einer Stelle sehen, merken wir, wie sehr wir sie vermisst haben. Und auch Wasser können wir sehen, die Ostsee nämlich. An der Nordsee sind wir fast nur hinterm Deich geradelt. Wenn wir dann mal auf die andere Seite geschaut haben, war das Wasser weg. Wir glauben inzwischen, dass das mit der Flut nur ein Gerücht ist, bzw. ein Marketinggag. An der Ostsee ist das Wasser immer da und wir kommen auch ganz nah ran. Oft führen und die Wege an der Steilküste entlang. Wir genießen den Ausblick.

Ab Kiel werden die Strände breiter und weißer. Leider herrscht kein „Sonnenbad“-Wetter. Aber wir genießen die Radwege. Einige Wege, die wir vor 5 Jahren schon mal gefahren sind, waren damals noch Beton-Kolonnenwege, auf dem das Militär die Grenze, bzw. das eigene Volk bewacht hat. Nun ist alles schön geteert, so dass wir selbst die hügelige Strecke östlich von Travemünde gut bewältigen. Aber nicht alle Wege sind so fein. Rügen und Greifswald bieten noch einiges an hubbeliger Betonpiste für uns.

Rügen – das Sylt des Ostens, so hören wir von manchen Leuten. Nicht alle Einheimischen sind begeistert. Denn es wird vielen langsam zu viel: zu viel Hotels, zu viel Touristen, zu viel Trubel. Auch uns ist es zu viel: zu viel rasende Einheimische, die uns fasst vom Fahrrad holen. Viele schlechte Radwege oder sogar Routen, die über die Hauptverkehrsstraße führen. Wir denken, dass Rügen noch sehr viel Entwicklungspotential hat, um sich als fahrradfreundliche Insel zu vermarkten.

Rügen lässt uns ehr gespalten zurück. Es gibt schöne Ecken wie Cap Arkona mit den Kreidefelsen. Dann gibt es den Nationalpark Jasmund, der als Biosphärenreservat den Buchenwald schützt. Hier wird uns deutlich, dass die Nationalparkdebatte in Deutschland sehr hitzig geführt wird, wenn wir mit den Einheimischen sprechen. Es gibt ein Nationalparkzentrum am Königsstuhl, dass aber Eintritt kostet. Weitere Wanderwege sind nur spärlich ausgeschildert. Autos dürfen nicht fahren, so werden die Touristen per Shuttle-Bus zum Nationalparkzentrum gekarrt. Alle zwei Minuten röhrt so ein Bus durch den Wald. Ob das so sein soll? Auch finden wir den Wald jetzt nicht schöner, als den Buchenwald am Galgenberg in Villmar, wo wir früher oft mit den Hunden spazieren gegangen sind. Aber um „schön“ geht es wohl hier nicht. Um was es eigentlich geht, wird den Einheimische oftmals auch nicht ganz klar. Als wir zu dem Thema im Internet recherchieren, sehen wir dass sich die Gemüter immer schnell erhitzen, egal in welcher Ecke Deutschlands ein Nationalpark eingerichtet werden soll. Selbst auf Fehmarn sehen wir ein „Nationalpark Teutoburger Wald – Nein Danke „-Aufkleber.

Auf Rügen erleben wir Geschichte monumental sozusagen. Wir fahren durch Prora, dem „Kraft-durch-Freude“-Seebad der Nazis. 20.000 Menschen sollten hier in 8 Bettenhäusern, die je 450 Meter lang sind, Urlaub machen. „Die `Nerven des Volkes´ so stellten führende NS-Funktionäre heraus, sollten für den nächsten Krieg gestärkt werden.“ (Aus MachtUrlaub – die Ausstellung zum KdF-Seebad Prora) Die Anlage ist nicht fertig gestellt worden und nie als KdF-Seebad genutzt worden. Es diente u.a. als Lazarett und als Notunterkunft für Vertriebene und Ausgebombte. Zur Zeit der DDR war es militärisches Sperrgebiet und wurde erst 1991 wieder für die Öffentlichkeit freigegeben. Heute sind dort u.a. ein Dokumentationszentrum, eine Diskothek, ein NVA-Museum und die wohl längste Jugendherberge der Welt untergebracht. Wir suchen uns eine Bank und picknicken im Schatten der Vergangenheit. Es ist ein bedrückendes und recht stilles Mahl.

 

An der Ostsee gibt es einige Superlativen für uns:

·         Am wohl längsten Campingplatz (4,5 Kilometer) fahren wir auf Usedom vorbei.

·         Den interessantesten Wald, den Gespensterwald, kreuzen wir bei Nienhagen.

·         Auf dem hundefreundlichsten Campingplatz mit eigenem Hundebadezimmer inkl. Warmwasserdusche übernachten wir in Börgerende.

·         Die teuerste Fährfahrt haben wir in Kiel. Von Bellevue zwei Stationen weiter bis Möltenort zahlen wir fast 20 Euro. In Hamburg haben wir von Finkenwerder bis zum Jungfernstieg nicht mal 6 Euro bezahlt.

·         Den schönsten, aber auch kältesten Grillabend verbringen wir bei Arnold und Sigrid. Die beiden haben wir vor zwei Jahren in Kas/Türkei beim Überwintern kennengelernt. DANKE!

·         Den größten EM-Fußballtrubel erleben wir in Heringsdorf auf Usedom. Hier hat das ZDF seinen „Fußballstrand“ aufgebaut.

·         Das beste „Fußball-schauen-mit-Fremden“ erleben wir auf dem Campingplatz in Freest hinter Greifswald. Der Platzwart hat seinen Fernseher vor die Tür gestellt und verkauft die Flasche Bier für  einen Euro. Bei jedem Tor, das die Deutschen schießen, gibt er einen Magenbitter aus. Was sind wir froh, dass die Deutschen nur vier Tore schießen. Am nächsten Morgen habe ich einen Kopf wie eine Torwand.

 

15.07.2012 Deutsch-dänischer Grenzradweg

 Von Sylt nach Flensburg radeln wir in 2 Tagen. Die Landschaft versetzt uns nicht gerade in Verzückung und so nehmen wir den direkten Weg. Auf der dänischen Seite sind noch weniger Bäume, als auf der deutschen Seite. Die Felder scheinen noch größer zu sein und so gibt es recht wenig zu sehen.

Das Einzige, was uns in Erstaunen versetzt, sind die Campingplatzgebühren, denn die sind ordentlich hoch.  Aber, so sagt uns jemand lapidar, eigentlich ist in Skandinavien alles teuer! Interessant finden wir das Konzept des Campingplatzpasses, den jeder benötigt, der auf einem genehmigten dänischen Campingplatz übernachten möchte. Die nette Frau an der Rezeption versucht, ihn uns schmackhaft zu machen. „Der gilt für das gesamte europäische Ausland.“ Tja, aber dort brauchen wir keinen Campingpass. „Nein???“ die Augen sind kugelrund aufgerissen. Wir können einen Transitpass erstehen, der nur 35 DKK, ca. 4,50 € kostet. Der gilt aber auch nur für einmal Übernachten. Immerhin haben wir damit auch eine Haftpflichtversicherung abgeschlossen, die von uns verursachte Schäden übernimmt. Da wir selten auf den Plätzen randalieren, machen wir davon allerdings keinen Gebrauch. Sonst käme ja auch §6 zum Zuge: „Bei Missbrauch und Verletzung der Platzordnung kann der Campingpass eingezogen werden.“ Und ich dachte schon, nur die deutschen seien so penibel.

Also bleiben wir lieber auf der deutschen Seite. Da wir am Sonntagmorgen kein Café für unseren Frühstückskaffee finden, halten wir an einem Campingplatz an. Und was soll ich sagen? Es ist ein dänischer Campingplatz auf deutschem Grund. Etwas billiger als in Dänemark, aber immer noch recht teuer. „Ja, Kaffee gibt es, dauert aber 15 Minuten.“ Klasse, dann ist es wenigstens frisch gebrühter Kaffee, denken wir. Aber nix, es gibt einen Nescafe-Automaten-Kaffee. „Gibt es auch Milch?“ „Gleich.“ Und dann bekommen wir Milchpulver, das sich kaum auflöst und im Kaffee keinerlei Wirkung zeigt. Am Boden bleibt nur ein ekeliger Schleim zurück. Und das, wo hier eine Kuh neben der anderen steht. Verstehe einer die Dänen.


07.06.2012 - Nordseeradweg

 „Kennst du einen Deich, kennst Du alle!“ Nunja, etwas undifferenziert, aber so kommt es uns vor. Und die Nordsee hat viele Deiche. Und auf dem Deich sind die Schafe, die sich auch fleißig vermehren, wie wir feststellen können. Gerade jetzt sind überall die ganz frischen Lämmer draußen und machen ihre ersten Gehversuche. Unglaublich kitschig, aber doch unbeschreiblich schön. Wir hab en den Eindruck, vor einer Filmkulisse zu stehen: Der Deich in perfektem Grün, darüber der Himmel in perfektem  Blau und die Schafe mit ihren Lämmern in perfektem Weiß. Wir warten nur darauf, dass jemand ruft „Stopp, cut, wir drehen die Szene noch mal. Alles zurück auf die Ausgangseinstellung.“ Und schön laufen

Schafe und Wolken zurück auf Anfang. Aber es ist alles real und damit noch unfassbarer. Dass es so etwas wirklich gibt!!!

Aber so geht es uns oft an der Nordsee. Ist das echt oder nur für Touristen aufgebaut? In Greetsiel ist jedes Haus herausgeputzt. Wir schauen drum herum, um sicher zu sein, dass es nicht aus Pappmaché ist. Alles ist echt, aber wir werden den Eindruck trotzdem nicht los, im Disneyland der Nordsee zu sein. Alles etwas zu perfekt, zu Weiß, zu vollkommen.

Die ostfriesischen Inseln lassen wir aus. Wer für die Überfahrt für einen Hund genauso viel Fährgebühr wie für einen Erwachsenen berechnet, will wohl keine Hunde auf der Insel haben.

Kurz vor Hamburg kürzen wir ein wenig ab und ziehen quer durchs Land. Ziel ist Wingst mit seinem großen Waldgebiet. Wir müssen langsam fahren, denn tatsächlich geht es hier über 50 Meter hoch. Wir müssen aufpassen, dass es uns nicht schwindelig wird bei der dünnen Luft da oben. In Hamburg haben wir dann schon Übung. Ich hatte die Stadt nicht so hügelig in Erinnerung. Aber mit dem Fahrrad nehmen wir die Umgebung ganz anders wahr.

In Schiethörn bricht Kai der Sattel kaputt. Ob das ein Zeichen ist?

Von Hamburg aus geht es Richtung Norden und was soll ich sagen? Der Wind dreht und wir fliegen mal wieder mit Rückenwind über die Radwege. Auch der Schafsdreck auf den Deichen fliegt besonders hoch und klebt an den Anhängern. Kai hat sogar etwas auf der Schulter. Soll Glück bringen, oder?

Was Ostfriesland von Nordfriesland unterscheidet? Hm, nicht die Deiche und nicht die Radwege. Allerdings können wir auf den ostfriesischen Campingplätzen keine spezifische Kleiderordnung ausmachen. Auf dem anarchischen Campingplatz auf Lühesand kurz vor Hamburg ist der Campersmoking, also der klassische Trainingsanzug Pflicht und bei den gehobenen Kreisen in Sankt-Peter-Ording und auf Sylt bevorzugt die Camperin das maritime, elegant-sportive Oberteil. Ihr wisst schon, so ein Ringel-T-Shirt, was wir sonst nur Karneval rausholen, um mal wieder als Pirat den Rosenmontagszug zu entern.

In List auf Sylt sind wir nun auch am nördlichsten Punkt unserer Reise angekommen Wir nutzen die Gelegenheit und besorgen uns den Zipfelpass. Jaja, es fragt sich nun mancher, ob Kai und Leo den nicht schon immer hatten.  Aber nein, darum geht es nicht. Wir fahren nun die vier Städte des Zipfelbundes ab und lassen und das, in gut deutscher Manier, mit einem Stempel bestätigen. Zipfelbund? Sucht doch mal selbst im Netz und macht euch auf.  Wir sehen uns dann…

 

 

03.05.2012    Emsradweg 
Nun sind wir wieder unterwegs. Nach einem Winter ohne Radfahren geht es von 0 auf 60 los. 60? Klar, die ersten 60 Kilometer am ersten Tag. Und dann haben wir auch gleich 500 Höhenmeter überwunden. Da wir von Bad Salzuflen losgeradelt sind und den Emsradweg (375 Kilometer) von der Emsquelle in Hövelhof starten wollten, mussten wir erst einmal den Teutoburger Wald queren. Die letzte Erhebung für uns für die nächsten 1500 Kilometer. Die ersten Hügel erwarten uns wieder in der Holsteinischen Schweiz, die bei Lübeck beginnt.

Die Quelle der Ems liegt in der Senne direkt am Truppenübungsplatz. Von dort aus sind wir Richtung Westen losgeradelt. Nach kurzer Zeit kommen wir durch das herrschaftliche Münsterland, bekannt für seine Pferdezucht und wunderschönen Höfe. Selbst die Kühe sehen hier feudal aus, wie sie so strahlend weiß auf der Wiese stehen. Ab Telgte geht es Richtung Norden. Das ist gut so, denn seit ein paar Tagen haben wir Südwind. So fliegen wir und die Kilometer nur so dahin. Das Emsland, das in Rheine beginnt, lässt weit blicken, denn das Auge wird nur ab und zu durch ein paar Baumreihen aufgehalten. Hier sind wir nun in einer Gegend von der gesagt wird, dass man den Besuch schon drei Tage vorher kommen sieht. Bei unserem Tempo ist das gut möglich.

In Papenburg verlassen wir das Emsland und befinden uns nun in Ostfriesland. Sofort wechselt der Wind und es wird anstrengend. Stimmt also, was uns gesagt wird: „In Ostfriesland hast du immer Gegenwind, egal in welche Richtung du fährst!“  Papenburg konnten wir nicht verlassen, ohne uns die Meyer-Werft anzuschauen. Also die Werft, in der die AIDA’s dieser Welt gebaut werden. Wir können nur sagen: „Sehr beeindruckend.“

Zwischendurch führt der Radweg am Dortmund-Ems-Kanal entlang. Dann haben wir noch nicht einmal auf Kurven zu achten, sondern eher darauf, dass wir nicht einnicken und in den Kanal fallen. Aber das Einnicken ist jetzt Ende April keine große Gefahr, denn es ist einfach zu kalt. Ja ich weiß, ihr alle, ja fast ganz Deutschland hat die letzten Tage unter der Hitzewelle, die Ende April anrollte, gelitten. Nur wir sind dem schlechten Wetter hinterher gefahren. Während Berlin unter 28 Grad Celsius ächzte, bibberten wir bei 11 Grad. Wir unterhalten uns mit anderen Radfahrern auch nicht mehr darüber, woher sie kommen und wohin ihr Weg führt. Nein, wir sprechen nur noch über Wetteraussichten, Wetterfrösche und wer den letzteren wohl so vergrault hat, dass es so schlecht hier oben ist. Nun ja, es soll ja mal Sommer werden und zu warm ist ja auch ungesund. Jetzt hoffen wir, dass wir bei den kommenden Eisheiligen nachts nicht im Zelt fest frieren.

Ulrike Teutriene, Moormerland, 03.05.2012