
Sonnenuntergang in Istrien
Geschoben und gehoben
Wir können es fast nicht glauben, aber wir haben wahrscheinlich 75% aller kroatischen Radreisenden kennengelernt. Mislav und seine drei Freunde, die wir auf Krk treffen, kennen noch einen weiteren und von einem sechsten haben sie gehört. That’s it. Mehr gibt es nicht.
Nicht das Kroatien nichts für Radfahrer ist. Es gibt tolle Mountainbikestrecken, die sogar ausgeschildert sind. Leichtes Mountainbike, kleiner Rucksack, der Tagesausflug kann beginnen. Machen auch viele Touristen hier, die voll ausgerüstet mit ihrem Wohnmobil anreisen. So viele, dass es anscheinend nichts Besonderes mehr ist, wenn man andere Radfahrer trifft. So erscheint es uns jedenfalls, als wir mit vollem Gepäck über den grob geschotterten Parenzana Fahrradweg fahren. Wir machen Mittagspause, genießen Brot und Käse und plötzlich kommen zwei Radfahrer vorbei. Kurz genickt und ein herzliches „Grüß Gott“ zugerufen und schon sind sie wieder weg. Wir schauen etwas konsterniert, wundern uns über uns selbst. Scheinen wir doch von der Aufmerksamkeit Anderer allzu verwöhnt zu sein. Aber wahrscheinlich hätte ein wenig Verweilen den Tagesplan durcheinander gebracht und der Krimi fängt abends halt pünktlich an. Krimi? Klar, die meisten Touristen reisen hier mit voll ausgerüstetem Wohnmobil oder Wohnwagen an und die erste Aufgabe nach der Ankunft auf dem Campingplatz ist das Ausrichten der Satellitenanlage. Höre ich da Neid heraus? Keineswegs. Seitdem wir die Radiotatorte aus dem Internet auf unseren MP3-Player herunterladen, knistert es abends wieder in unserem Zelt.
Spannung ist nun nicht gerade das, was wir ansonsten mit Kroatien verbinden. Wunderschöne Küste, herrliche Stände, Blick auf ein tiefblaues Meer. Romantisch, idyllisch, aber wenig aufregend. Wir radeln die Touristenorte ab, denn alles abseits der Küstenstrasse ist uns zu bergig. Es ist schön, aber nicht …, nun gut, wir wollen nicht darauf herumreiten. Bis wir nach Zadar kommen. Eine tolle Stadt mit wunderschönem Altstadtkern. Wir finden eine Privatunterkunft mitten in der Altstadt und genießen das rege Treiben in den Cafés und Bars. Die Zimmerwirtin hat ein Buch bereitgelegt „Zadar in der Zeit des Leidens“. Bilder von bombardierten Häusern, minutengetreue Darstellung der Angriffe. Die Erinnerung beginnt sich zu regen und das lässt dieses friedliche Urlaubsland in einem neuen Licht erscheinen. Vor nicht einmal 20 Jahren herrschte hier Bürgerkrieg von der übelsten Sorte. Die Kroaten wollten halt nicht mehr zu Jugoslawien gehören und ständig den Rest des Landes subventionieren. Aber das fand der Rest des Landes gar nicht witzig. Man kann sich das so vorstellen: Bayern weigert sich, in den Länderfinanzausgleich einzuzahlen, erklärt seine Unabhängigkeit von Deutschland und daraufhin werden von der Bundeswehr, die in der Zwischenzeit von Saarländern und Westfalen dominiert wird, München und Oberammergau bombardiert. Dieses Szenario ist in Deutschland nicht vorstellbar. Sicherlich hat es zwischen den vielen Völkergruppen noch einige andere Gründe gegeben, die zu den Grausamkeiten des Balkankrieges geführt haben. Und das waren sicherlich nicht nur religiöse.
Wir sehen die Altstadt von Zadar nun mit anderen Augen, suchen nach Spuren der Bombardierung, nach Einschusslöchern, die uns Gänsehaut machen, wenn wir ganz versteckt in einem Hinterhof noch welche finden. Seit das Land nun selbständig ist, hat es eine rasante Entwicklung durchgemacht. In Zadar, Split und Dubrovnik sind fast keine Schäden mehr zu sehen. Es gibt noch Straßen, an denen vor den Landminen rechts und links gewarnt wird, hören wir. Aber wir sehen nichts davon.
Der Tourismus boomt so sehr, dass jetzt am Ende der Saison viele Kroaten angenervt erscheinen. „Und wieder Touristen, die nicht die Landessprache sprechen und komische Dinge wollen. Für was bitte braucht man Haferflocken oder sogar Müsli? Tut es nicht auch Brot?“
Nicht alle sind unleidlich und wir treffen auch auf viele freundliche Menschen. Als wir nach einem Gewaltritt kurz nach acht Uhr abends an dem Campingplatz im Norden Istriens ankommen, schließen die Besitzer des Supermarktes gerade die Tür zu. Sicher hatten auch sie einen langen Tag, aber trotzdem fragen sie uns, ob wir noch etwas bauchen. Und ob: Milch, Brot, Bier und der Abend ist gerettet. Morgens genießen wir dann eine weitere Köstlichkeit Kroatiens: den Berliner oder auch Kreppel genannt. Wie der Teigballen auf Kroatisch heißt, haben wir vergessen. Es reicht darauf zu zeigen und zu fragen: „Marmelade? Schokolade?“ Versteht jeder und wir bekommen immer die passende Füllung. Und dann noch in einem Café sitzen und einen köstlichen Cappuccino trinken, der sich hinter dem italienischen nicht zu verstecken braucht. Unsere kulinarischen Ansprüche sind voll befriedigt.
Radfahrtechnisch ist ein Land, das uns wie ein einziger Fels erscheint, schon nicht so einfach. An der Küste zu bleiben, heißt weniger Berge fahren zu müssen. Aber das denken sich die Wohnmobilbesitzer und LKW-Fahrer auch. Und so ist die Magistrale, so heißt die Küstenstrasse hier, doch recht voll. Sicher nicht so voll wie im Sommer, aber doch so, dass wir mit dem Inselhopping beginnen. Von Cres geht es nach Krk, weiter nach Rab und dann Pag. Danach ist es aber auch genug. Ihr müsst euch die Inseln wie gewaltige Berge vorstellen. Der beste Platz für eine Straße ist immer auf dem Grad entlang. Was heißt das für uns? Wir kommen mit der Fähre auf Meereshöhe an und fahren dann erst einmal stundenlang bergauf. Auf Cres z.B. geht es gepflegte 400 Meter hoch. Schön langsam und gleichmäßig. Der kleine Landregen zwischendrin ist eine nette Erfrischung. Nach zwei Stunden sind wir oben und genießen den Ausblick. Um dann bald wieder herunterzusausen, denn der Campingplatz liegt natürlich am Strand. Dort bleiben wir drei Tage, es hat sich Regen angekündigt. Es gibt Internetzugriff bis ins Zelt wie auf so vielen Campingplätzen hier, Einkaufsmöglichkeiten und einen schönen Weg entlang der Promenade zur Stadt. So sind die Regentage erträglich.
Der Campingplatz ist einer der typischen Plätze, flache Stellen für das Zelt, aber steinig. Was haben wir von einem felsigen Land wie Kroatien erwartet? Wildcampen ist eine echte Herausforderung, da es kaum gerade Stellen gibt und wenn doch, dann sind sie eingezäunt. Hinter Pag können wir uns nicht anders helfen. Es gibt keinen Campingplatz und wir suchen verzweifelt nach einem Platz, auf dem wir für die Nacht unser Zelt aufstellen können. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als erst die Fahrräder einen steilen Schotterweg ca. 500 Meter hochzuschieben, dann alles abzubauen und über den Zaun zu heben, hinter dem eine flache, feine Wiese liegt. Dann noch 100 Meter weiter in die Büsche, damit wir auch nicht zu sehen sind, denn letztlich sind wir nun ja auf Privatgrund. Das Zelt bauen wir im Dunkeln ohne Taschenlampe auf. Wir sind nicht zu sehen, wir sehen aber auch nichts, hören aber trotzdem die ganze Nacht Geräusche. Es war nicht eine unserer angenehmsten Nächte aber kostenlos. Lieber schlecht geschlafen als viel bezahlt. Wenn man aus Deutschland hier ankommt, sind die Preise auf ganz verträglichem Niveau. Angebot und Leistung stimmen. So kostet ein Cappuccino ca. 1,50 €, ein Liter Benzin liegt bei 1,10 €. Verglichen mit einem Urlaubsland wie Italien ist es sogar günstig. Wenn wir hören, dass eine Verkäuferin in einem Supermarkt mit 2.500 Kuna (ca. 380 €) nach Hause geht, fragen wir uns, wie die Einheimischen mit dem Preisniveau zurechtkommen und davon noch Auto- und Motorradfahren können. Das kann sicherlich nur mit Selbstversorgung aus dem eigenen Garten und Leben in der Großfamilie funktionieren. Sollen wir sie darum bedauern oder beneiden?
Ulrike, 19.11.2010, Athen/Griechenland