Grenzerfahrung ...
Bikes on World Tour
Lieber gut getragen als schlecht gelaufe

Gut gepilgert ist halb gewonnen

Wir hatten gehört, dass es in Indien tatsächlich Stellen geben soll, an denen der Ganges, der heilige Fluss der Inder, richtig sauber ist. Wir können uns das nicht so richtig vorstellen und machen uns daher auf den Weg. Und der führt uns nach Gangotri, der Quelle des Ganges. Neben dem Bad im Ganges in Varanasi ist eine Pilgerreise zur Quelle sicherlich eins der wichtigsten religiösen Ereignisse im Leben eines Hindus. Mit dem Bus oder sogar dem eigenen Fahrzeug geht es bis Gangotri (3000 m), dann geht es zu Fuß weiter. Zwei Tage dauert die Wanderung bis nach Gaumukh (3890 m), der Stelle, an der der Ganges den Gangotri Gletscher verlässt. Die Hardcore Pilgerer machen sich bereits in Haridwar, ca. 140 km weiter südlich auf den Fußweg.

Gangotri ist eine auto- und motorradfreie Stadt, etwas was wir im allgemeinen sehr begrüßen. Hier stellt es uns aber vor das Problem, ein Hotel zu finden, in dem auch unsere Motorräder sicher untergebracht sind. Am Ortseingang hat sich anscheinend ein Hotel auf diese „Problemgäste“ spezialisiert. Als wir vorbeifahren, wird uns ein „Safe for Motorbikes“ zugerufen. Wir schauen uns das Hotel an, es ist sauber und die Motorräder werden von uns durch das Restaurant auf den Balkon gefahren. Das sogenannte Restaurant ist allerdings ein Bretterverschlag und aus Wand neben der Tür zum Balkon wird schnell noch eine Holzlatte herausgeschlagen, damit Kai seine zwei Zylinder nicht einzeln durchtragen muss.

Unsere Pilgerreise beginnt morgens nach einem ausgiebigen Frühstück mit Porridge (Haferschleimsuppe, bäh für Kai, mmh für mich) und Bratkartoffeln. Die ersten 14 km bis nach Bhojbasa bringen wir in 6 Stunden hinter uns. Dort gibt es Zelte, ein Gasthaus und einen Ashram. Wir entscheiden uns für die Übernachtung im Ashram. Nach dem gemeinsamen Abendessen mit den indischen Pilgergästen, inkl. Gebet, Gesang und auf dem Boden sitzen und essen, haben Swami Kai und ich eine warme, ruhige und wahrhaft spirituelle Nacht. Gehört eben alles zu einer Pilgerreise dazu. Am zweiten Tag gehen wir dann die letzten 4 km bis zur Quelle, die sich aber als ganz schön anstrengend herausstellen. Anschließend geht es in einem Rutsch wieder die 18 km zurück nach Gangotri, ein ganz schöner Marsch.

Viele Inder können sich vorher wahrscheinlich gar nicht vorstellen, was es bedeutet auf über 3000 Metern zu wandern. Mit Badeschlappen stolpern die Frauen über den steinigen Weg. Die Meisten haben gar keine warmen Sachen dabei, obwohl es morgens Minusgrade hat, und sobald die Sonne verschwindet es wieder eisig kalt wird. Die einheimischen Händler haben dass erkannt und verkaufen Schals, Handschuhe und Mützen, die die wärmeverwöhnten Inder aus dem Süden dann auch Tag und Nacht tragen.

Trotz Alter oder Unfitness wird die Pilgerreise angetreten. Zur Not kann auf einem Maultier die Reise fortgesetzt werden. Zur allergrößten Not können sich die Leute sogar hochtragen lassen. Für uns ist das sehr bizarr, aber es ist, wie schon gesagt, eine der wichtigsten Reisen für einen Inder.

Am Kuhmaul (Gaumukh) angekommen, beginnen einige Inder zu singen und zu beten. Wir genießen die herrliche Landschaft des indischen Himalayagebirges. Andere ausländische Touristen gehen ganz darin auf, die Inder bei ihren Gebeten zu fotografieren. Ist für uns ja auch irgendwie verständlich, aber muss es den frontal aus anderthalb Meter Entfernung sein?

((Ulrike Teutriene, Kathmandu / Nepal, 20.11.2003)