Bolle und Konsorten
"Und was ist nun so toll am Motorradfahren?" Gute Frage. So punktgenau sind wir das noch nie gefragt worden wie von Sue, die uns fuer Ihr "Aussteigen-leichtgemacht-Buch" interviewt.
Also warum mit dem Motorrad um die Welt reisen, obwohl es doch einfachere, billigere und stressfreiere Moeglichkeiten gibt? Nach ein paar Stunden tut der Po weh. Wenn es warm wird, und das wird es ziemlich oft in den Laendern, durch die wir reisen, sind wir klatschnass geschwitzt. Den Helm moegen wir uns in den Innenstaedten beim Stopp-and-Go am liebsten vom Kopf reissen, nicht sicher, ob es nur wegen der unertraeglichen Hitze ist, oder um dem naechsten Draengler gleich mal mit Schwung den Weg zu zeigen. Wir kommen viel langsamer voran, als mit dem Bus oder Auto, immer wieder Trink- und Erholungspausen. Oft sind wir so erschoepft, dass wir keine Lust haben uns noch die Sehenswuerdigkeiten anzuschauen.
Also warum nicht mit dem Auto oder Backpacking per Bus, Bahn und Zug von Ort zu Ort ziehen? Auch dort trifft man Einheimische, dafuer muss man nicht vor einer Motorradwerkstatt rumlungern. Wir stottern erst ein wenig rum, um die passende Antwort zu finden. Aber dann ist es ploetzlich ganz klar. Es ist nicht nur die Art der Fortbewegung. Motorradfahren ist wie ein Metapher fuer uns. Mit dem Motorrad reisen heisst, zentriert zu sein. Wir sitzen mitten auf dem Motorrad, den Motor zwischen den Beinen, die Kraft uebertraegt sich nicht nur auf die Reifen. Wir lenken mit dem ganzen Koerper. Alles ist im Einsatz, volle Konzentration ist gefragt. Wir nehmen die Umgebung ganz anders wahr als ein Busreisender, der womoeglich schon nach einer Stunde eingeschlafen ist oder aus dem Seitenfenster goebelt, was das Zeug haelt. Diesem Ereignis durften wir mehr als einmal beiwohnen.
Wir fuehlen mit den Reifen. Jede Unebenheit, jede Kurve gibt uns Informationen ueber das Land. Hier sind gute Strassenbauer unterwegs gewesen, dieses Land hat gute Ingenieure. Hubbelige Strassen, die wir nicht schneller als mit 30 bis 40 km/h bewaeltigen koennen. Armes Land, hier wurden die Steine mit der Hand bearbeitet und der Teer anschliessend mit der Schueppe daruebergegossen.
Wir nehmen 'gesunden Menschenverstand' wahr, falls er vorhanden ist. Wer nimmt wie Ruecksicht? Wer draengelt sich nicht einfach auf die Strasse ohne nach links und rechts zu schauen? Wir sehen viel mehr Gefahren, denn ruck zuck kann aus einem Fussgaenger, der ohne zu schauen auf die Strasse laeuft, eine unueberwindbare Huerde fuer uns werden. Bremsen, ausweichen, vielleicht noch in eine Kuh reinfahren. Mit einem Auto vielleicht nicht mal eine Beule, aber mit einem vollbepackten Motorrad liegt man bzw. frau dann doch schon mal mitten auf der Strasse. Und das ist nun wirklich nicht schoen, besonders, wenn der Bus einen Meter hinter uns sowieso schon mit der Hupe draengelt. Und glaubt uns, die Hupen in Indien, das sind serioese Hupen, nicht so TUeV-gerechtes Kinderspielzeug, wie in Deutschland.
Motorradfahren erfordert aktive Entscheidungen. Ueberholen ist nicht einfach so nebenbei gemacht. Die LKW's sind oft so langsam, dass es beim Ueberholen ganz schnell der Point-of-No-Return erreicht ist. Kommt doch ploetzlich ein Fahrzeug entgegen, koennen wir gar nicht so hart abbremsen, um wieder hinter dem LKW einzuscheren. Dann heisst es, runterschalten und durchziehen, in der Hoffnung, dass die Luecke lange genug offen bleibt. Wenn Kai zum Ueberholen ansetzt und ploetzlich abgeht wie ein Zaepfchen, jede seiner 80 PS voll ausnutzend, weiss ich, dass ich zurueckzubleiben habe. Die Luecke ist zu. Ich habe Herzrasen, ob auch dieses Mal wieder alles geklappt hat. Aber von hinten sieht es immer schlimmer aus, als es vorne ist. Jedesmal wenn ich vorfahre und ueberhole, wartet Kai nur drauf, dass unter dem LKW, den ich ueberholt habe, Plastikteile meiner F650 auftauchen. Aber auch hier. Es ist noch nie etwas passiert und es war auch noch nie wirklich gefaehrlich. O.k. bis auf das eine Mal, als Kai ploetzlich ohne Luecke dastand und deswegen rechts aussen an dem entgegenkommendnen gelben Kranwagen vorbeifahren musste. Wohlgemerkt, das Ganze geschah bei Linksverkehr!!! Und wieder konnten wir feststellen, wie schoen es ist, wenn langsam sich der Adrenalinspiegel senkt.
Und dann gibt es das meditative Motorradwarten. Waren wir nur mit der R1100GS unterwegs, wuerden wir uns noch nach anderen Meditationsmoeglichkeiten umschauen muessen. Aber wir haben ja die F650 dabei, da gibt es immer etwas zu schrauben, pflegen, nachzuschauen. Taeglicher Kettencheck, alle 2-3 Tage Oelstand kontrollieren genauso wie das Kuehlwasser. Tatsaechlich verbraucht auch die Batterie Wasser, das sehr unregelmaessig, also auch das regelmaessig kontrollieren. Gibt es wieder neue Schrauben, die sich locker geruettelt haben, sind noch alle Kabel o.k.? Jeden Tag ist es wie ein Zwiegespraech mit der Kleinen. Na, wie geht es uns heute? Was macht die Kette, oh das schaut ein wenig zu locker aus, also wird nachgespannt. Dabei kannst Du mir gleich mal dein Ritzel zeigen. Schaut noch o.k. aus, ich versprech Dir, in der naechsten grossen Stadt mit Werkstatt kuemmern wir uns darum. Wie sehen die Reifen aus, noch genug Profil, keine Risse, keinen Nagel eingesammelt? War das Oel gestern schon dort? Kommt das von der Kette, die die Jungs gestern geoelt haben, als sie den Platten geflickt haben? Ich putz das mal weg und wir schauen dann. Motor springt beim ersten Versuch an, gut so, Motor laeuft, Oel kommt aus der Dichtung am Oelfilter. Naja, kann ja mal passieren (sollte aber nicht), also Motorrad wieder abpacken, auf die Seite legen und neue Dichtung einsetzen. Der Lenker knackt beim Fahren. Schnell mal testen, wie gross dass Spiel des Lenkkopflagers ist, wenn ich am Vorderreifen ruettel. Oh, dass heisst, dass wir das Lager bald austauschen muessen, versprochen, bei der naechsten Werkstatt... (Fuer Interessierte gibt es eine Liste am Ende der Seite.)
Und was gibt es sonst noch so rund um das Motorradfahren zu sagen? Es macht, ja wie soll ich es sagen, es macht haerter. Das Gefuehl, jemanden den Arm ausreissen zu wollen? Politisch unkorrekt und bisher ueberhaupt nicht in meinem Gedankenrepertoire. Jemanden in seinen Motorroller treten, damit er nicht mehr staendig vor meinem Reifen hertaenzelt? Doch nicht die kleine Ulrike. Anschreien, zurueckschreien, mit der Faust auf den Tank hauen? Kennen wir uns so? Jetzt ja, jetzt haben wir dicke Stiefel an, jetzt trauen wir uns. Der Hoehepunkt unserer Traute ist erreicht, als wir in Kathmandu abends aus einer Kneipe kommen und sehen, wie ein kleiner Nepali von anderen kleinen Nepalis festgehalten und zusammengeschlagen wird. Wir, das sind Kai, Rick (der Englaender, mit seiner BMW, mit dem wir eine Weile durch die Gegend ziehen) und ich. Die Jungs schauen sich an und, ganz Mann, stuermen los, um wenigstens eine Ungereichtigkeit der Welt zu beseitigen. Allerdings haben wir alle ein wenig dem Bier zugesprochen, und so ist die Aktion nicht ganz 100%ig durchdacht. Ploetzlich sehe ich, wie ein kleiner Nepali meinem lieben Kai mit dem Helm eins ueber die Ruebe zieht.
Macht Spass zu lesen? Das Ende der Geschichte findet ihr in unserem Buch.
Kleine Wartungsliste fuer den interessierten Weltreisenden:
Taeglich:
- Oelstand kontrollieren
- Wasser- und Oelkuehler auf Verunreinigungen pruefen, evtl. freiblasen
- Benzinverbrauch checken
- Kettendurchhang kontrollieren
- Schlaeuche und Motor auf Leckagen untersuchen (Oel, Wasser, Bremsfluessigkeit)
Woechentlich:
- Dicke der Bremsbelege checken
- Reifen auf richtigen Luftdruck und Beschaedigungen pruefen
- Kuehlfluessigkeitsstand ueberpruefen
- Luftfilter reinigen, Papierfilter ausblasen
- Batteriefuellstand checken
- Gepaecktraeger, evtl. Rahmen auf Risse pruefen
- Bowdenzuege auf Leichtgaengigkeit untersuchen
- Kabel und Schlaeuche auf Reibstellen kontrollieren
- Lagerspiel Raeder, Schwinge, Lenkkopf, Hinterradantrieb pruefen
(Ulrike Teutriene, Bangkok / Thailand, 28.12.2003)