Grenzerfahrung ...
Bikes on World Tour

 

Abfahrt am 31. Juli 2010 in Weyer.

Aufgestiegen

Wir haben es geschafft, wir sind aufgestiegen. Also aufs Fahrrad und einfach losgeradelt. OK, so einfach auch nicht, aber doch außerhalb der meisten Konventionen. Rund ein halbes Jahr haben wir geplant, gebaut, geschraubt - die letzten beiden mehr Kai -, gesichtet, gekündigt und geträumt. Und dann ging es los. Am 31.07.2010 haben wir unseren Vermietern den Schlüssel für unsere Wohnung übergeben und sind in Weyer/Villmar „einfach“ losgeradelt. Wer Weyer kennt und weiß, dass wir den Weg über die Felder genommen haben, weiß auch, dass die 10 Höhenmeter über den Schotterweg nicht einfach sind. Der erste Test für unsere Willenskraft. Weitere Tests für unsere Willenskraft gibt es innerhalb kürzester Zeit. So fragt uns nach der ersten Woche der Wettergott, ob wir wirklich mit dem Rad reisen wollen und wir sagen JA. Dann schickt er wechselhaftes Wetter, um uns zu testen. Und er fragt wieder, und wir sagen wieder JA. Und er schickt Dauerregen. Doch wir bleiben beim JA. Dann schickt er Schnecken, die sich in meinem Helm festsetzen. Doch das JA bleibt. Dann schickt er Sonne und 30 Grad Wärme. Und wir bleiben beim JA. Dann schickt er wieder Regen und 13 Grad. Doch wir lassen uns nicht beirren. Wir wollen mit dem Rad fahren. Und dann ruft er seinen Kollegen, den Straßengott an und der schickt uns die ersten Anstiege im Ostallgäu. Und wir beginnen zu zweifeln. Kai schaut sehnsüchtig jedem Motorrad hinterher. Ich, besonders bei Regen, jedem, der Sonntagsmorgens mit einer Tüte Brötchen in den Händen seine Haustür aufschließt. Aber wir wollen ja Abenteuer. Allerdings schließen sich „SonntagsmorgensfrühstückstischmitfrischenBrötchen“ und Abenteuer nun mal aus. Nach einiger Zeit rufen wir den Götterboten Hermes zur Unterstützung und er schaut mit uns unsere Ausrüstung kritisch durch. Nach einer Woche Allgäu zeigt sich deutlich, was wir wirklich benötigen und was nur ganz nett ist, dabei zu haben. Und so nimmt Hermes die ersten 5 Kilo Gepäck mit sich und macht uns das Leben etwas leichter.

So sind wir nun unterwegs und haben die ersten 1.000 Kilometer hinter uns. Gewitzte Menschen sehen sofort, dass es vom Taunus bis zum Bodensee keine 1.000 Kilometer sind. Aber wir haben uns Zeit gelassen und sind ein wenig durchs Land geradelt. Ein wenig am Main entlang, dann an der Tauber. Rothenburg ob der Tauber können wir jedem empfehlen, der Japaner sehen möchte. Fahrradtechnisch gesehen, ist der sportliche Weg in die Stadt mit Kopfsteinpflaster und 15%igem Anstieg mehr als Kampfansage an den inneren Schweinehund zu werten. Das Altmühltal hat seine Reize  und zwar nicht nur wegen der guten Bäckereien.

Ach ja, die Bäckereien. Es gibt doch nichts Schöneres als morgens zum zweiten Frühstück ein leckeres Stück Kuchen mit einer Tasse frischen Kaffee zu genießen. Ein wenig Luxus muss sein. Allerdingsgibt es in vielen kleineren Ortschaften gar keine Bäckereien mehr. Also müssen wir oft auf die Stehcafes im Supermarkt ausweichen. Und die bieten zum Teil mäßige Qualität an. Laffer Kaffee aus Kaffeepads dazu Plunderteilchen, die am Gaumen kleben bleiben. Wir fragen uns ernsthaft, was aus dem deutschen Bäckerhandwerk geworden ist. Wo sind die Bäcker, die noch ihre selbst hergestellten und von Hand geformten Teilchen und Kuchen verkaufen. Die einfach Freude daran haben, anderen Menschen eine kleine süße Sünde zu verkaufen? So wie Meister Beck in Lautershausen bei Ansbach auf dem Altmühlradweg der uns an einem Sonntagmorgen höchstpersönlich bedient. Er bestätigt unsere Vermutung, dass viele Bäckereien inzwischen Fabrikware, zum Teil auch importiert, verkaufen. Da bleibt der Geschmack und Biss natürlich auf der Strecke. Also versuchen wir immer wieder Bäckereien zu finden, die ihr Handwerk verstehen. Mit unserm Konsum versuchen wir, sie kräftig zu unterstützen. Als altem Süßzahn liegt es Kai doch sehr am Herzen, dass Preis und Leistung wieder ins Lot kommen.

Weiter geht es auf der Via Claudia Augusta, die uns über recht holprige Feldwege führt. Da sind wir doch froh, keine 2000 Jahre alten Römer zu sein. Als Europäer des 21. Jahrhunderts haben wir das GPS bemüht und haben so manchen kräftefressende Feldweg mit groben Kieseln gegen eine perfekt ausgebaute Bundesstrasse getauscht. Wer meint, er könne das nicht verstehen, der Verkehr würde ihn irre machen und er würde lieber die Schotterpiste bevorzugen, melde sich schnellstens bei uns. Er darf dann mal das Fahrrad mit 40 Kilo Gepäck (Fahrradtaschen, Anhänger, Hunde) für uns einen Tag ziehen. Oder auch zwei.

Aber es ist ja nicht so, dass wir nur Dinge aus dem alten Leben vermissen. Nein, wir sind auch froh, einiges losgeworden zu sein. Erst jetzt wird mir klar, wie sehr auch ich dem Diktat des Badezimmerspiegels unterlag. Jeden Morgen schaute ich in diesen Spiegel und fragte mich, ob nicht doch die Reklame Recht hat und die Faltenmittelchen wirken. Und kaufte Nacht- und Augencremes und ich weiß nicht was. Und nun? Ich habe keinen Spiegel mehr, beziehungsweise nur einen ganz kleinen am Lenker. Der soll aber den rückwärtigen Verkehr optimal zeigen und nicht meine Falten. So sehe ich klein und wieder ganz glatt aus. Und wenn es nicht so ist, ist es mir auch egal. Und dann ist da noch die Sache mit den Kalorien, ihr wisst schon, die kleinen Tierchen, die nachts im Kleiderschrank die Sachen enger nähen. Die weiß ich nun zu schätzen. Denn Radeln strengt an. Und ich muss essen, damit ich das alles schaffe. Ist das nicht wie im Schlaraffenland? Und trotzdem ist meine Hose schon größer geworden. Ob das daran liegt, dass die Kalorien bei mir nun gebraucht werden und sie gar nicht mehr dazu kommen, nachts Blödsinn zu machen?

Ulrike Teutriene, 26.08.2010, Schwarzach/Österreich